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Das Forschungsprogramm

Von prägender Bedeutung für die Entwicklung der europäischen Geschichte und Landschaft waren Prozesse, die sich im 5. und 4. vorchristlichen Jahrtausend in zahlreichen nord- und mitteleuropäischen Regionen ereigneten. Zu dieser Zeit begannen neolithische Gesellschaften oberirdische Monumente zu errichten und mit großen Grabenwerken ihre zentralen Orte zu kennzeichnen. Entsprechende Entwicklungen sind auf soziale Differenzierungsprozesse zurückzuführen, die Resultat veränderter Wirtschaftsweisen, neuer Austauschsysteme und ritueller Vorstellungen sind.

Im nördlichen Mitteleuropa können wir diese Veränderungen mit den Trichterbechergesellschaften identifizieren, die in einem kurzen Zeitraum zwischen 3500 und 3200 v. Chr. mindestens 30.000 Großsteinanlagen errichten, mindestens 100 Grabenwerke betreiben und an mindestens 5000 Plätzen Deponierungen besonders wertvoller Objekte in abgelegenen Arealen vornehmen. Hinzu treten regionale Differenzierungsprozesse, deren Wurzeln in unterschiedlichen Neolithisierungsmustern der frühen Trichterbechergesellschaften ab 4100 v. Chr. zu suchen sind. Das Ausklingen der Phase monumentaler Aktivität ist schließlich gekennzeichnet durch einen einheitlichen Übergang in gesellschaftliche Zustände, die durch neue und extensive Wirtschaftsweisen und die prägende Wirkung europaweiter Weltanschauungen gekennzeichnet sind (Einzelgrabkulturen ab 2800 v. Chr.).

Die Zeit der Megalithanlagen Nordmitteleuropas unterscheidet sich deutlich von vorhergehenden und nachfolgenden archäologischen Kulturen: Die Verbindung zwischen Monumentalität und Kollektivität im Bestattungsritual wurde in dieser Form zu keiner anderen prähistorischen oder historischen Zeit in Europa praktiziert. Auch eine entsprechend intensive Kennzeichnung der Landschaft mit Monumenten ist nur noch selten in späteren Zeiten zu beobachten.

Trotzdem wissen wir erstaunlich wenig über die Trichterbechergesellschaften: Soziale Differenzierungsprozesse wurden bisher aufgrund mangelnder Fragestellungen nicht identifiziert, die Antriebskräfte für den Monumentalbau nicht thematisiert und auch der Niedergang entsprechender Kulturen kaum erörtert. Verantwortlich dafür sind nicht nur fehlende Grabungsaktivitäten, sondern vor allem eine extreme Fixierung der bisherigen Forschung auf einen kleinen Ausschnitt der Gräberarchäologie. Hier lag der Schwerpunkt auf der Untersuchung der Architektur und den Kammerinhalten. Es fehlten eine systematische Analyse der Gesamtmonumente und des unmittelbaren Umfeldes der Anlagen, dazu adäquate naturwissenschaftliche und räumlich-statistische Analysen.

Dementsprechend möchte sich das zu beantragende Schwerpunktprogramm (SPP) auf siedlungsarchäologische und sozialhistorische Fragestellungen konzentrieren:

  • Die Evaluation der Siedlungsmuster ist nötig, um die Beziehungen zwischen einfachen Siedlungen, Grabenwerken, Deponierungen, nicht-megalithischen Gräbern und Megalithgräbern zu klären.

  • Die Austauschbeziehungen und deren Veränderung zwischen regionalen Gruppen der Trichterbechergesellschaften sind in Bezug auf Produktions- und Distributionsmuster zu untersuchen.

  • Die soziale Differenzierung innerhalb der Trichterbechergesellschaften ist durch Vergleiche der materiellen Kultur und der räumlichen Position von Depot-, Grab- und Siedlungszusammenhängen zu klären.

Eine interdisziplinäre Arbeitsweise ist Grundbedingung für die Identifikation genannter Schwerpunkte: Die gezielte Erschließung neuen archäologischen Quellenmaterials in Verbindung mit der Anwendung eines Methodenkanons aus sowohl Kultur- und Sozialwissenschaften als auch Geo-, Bio- und Materialwissenschaften bildet die Basis für die historischen Interpretationen.

Um die Wurzeln der Prozesse, die zu Monumentalität und sozialer Komplexität führten, zu identifizieren, beginnen die geplanten Untersuchungen mit der nicht-bandkeramischen Neolithisierung im nordmitteleuropäischen Raum (ab ca. 4100 v. Chr.). Ein Fokus liegt auf der Zeit höchster Bautätigkeit (ca. 3500–3200 v. Chr.) und der Weiternutzung megalithischer Anlagen (bis ca. 2800 v. Chr.). Um die Veränderungsprozesse am Ende dieser Zeit und den Übergang zu den genannten paneuropäischen Phänomenen zu erfassen, die eine neue Qualität gesellschaftlicher Zustände repräsentieren, ist eine Ausweitung des Zeithorizontes bis ca. 2200 v. Chr. nötig.