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Voraussetzungen, Struktur und Folgen von Siedlung und Landnutzung zur Zeit der Trichterbecher- und Einzelgrabkultur in Nordwestdeutschland

Forschungsgeschichte

Der nordwestdeutsche Raum zwischen Ems und Elbe gehörte während des 4. und der 2. Hälfte des 3. Jt. v. Chr. zum Siedlungsgebiet der Trichterbecherkultur und der nachfolgenden Einzelgrab­kultur. Spuren dieser Besiedlung sind auch heute noch vor allem in Form zahlreicher Großsteingräber und Grabhügel ober­tägig erhalten (Sprockhoff 1975; Schirnig 1979). Ihre Verbreitung und Architektur lässt deutliche regionale Unter­schiede und Schwer­punkte erkennen, die als Hin­weise auf eine unterschiedliche Intensität der Besiedlung gewertet werden können. Neben Grabmonumenten sind Grab- oder Erdwerke häufig in den neolithischen Landschaften Nordeuropas anzutreffen. In Nordwestdeutschland hingegen wurden sie bislang noch nicht entdeckt oder fehlen aus ungeklärten Gründen. Meist auf Ober­flächen­funden basierende Hin­weise auf Siedlungen des 4. bis 3. Jt. sind hingegen von zahl­rei­chen Lokalitäten bekannt, allerdings ist ihre innere Struktur bislang nur in Ansätzen erkennbar; das anzu­nehmende Beziehungs­geflecht zwischen Siedlungen und in ihrem Um­feld gelegenen Gräbern bzw. Grabmo­numenten und/oder Grabenwerken muss ebenfalls noch als weit­gehend unerforscht gelten.

Die vegetationsgeschichtliche Entwicklung des Untersuchungsgebietes während des 6. bis 3. Jt. v. Chr. ist durch die detaillierte palynologische Untersuchung mehrerer Moore und anderer Lokali­täten in den Grundzügen bekannt (Behre 2001). Fragen nach den Auswirkungen der Einführung der neolithischen Wirt­schaftsweise und der Dynamik dieses Prozesses können jedoch bislang ausschließlich für die Geest­insel Flögeln, Ldkr. Cuxhaven, beantwortet werden.

Ziele und Methoden

Vor diesem Hintergrund steht im Rahmen des hier beantragten Vorhabens die Klärung der Beziehungen zwischen unbefestigten Siedlungen, Megalithgräbern, nicht megalithischen Grä­bern, Depotfunden und von Grabenwerken sowie die Untersuchung der Veränderungen von Landschaft und Vegetation infolge der Landnutzung im Mittelpunkt der Untersuchungen. Es soll entsprechend ein multidisziplinäres Methodenspektrum, vor allem aus dem Bereich der Fächer Archäologie, Geophysik, Archäobotanik und Palynologie, zum Einsatz kommen; es werden jedoch voraussichtlich auch zahlreiche Anknüp­fungspunkte für weitere archäozoologische, anthropolo­gische/pa­läopatho­logische, paläodemo­gra­phische und auch paläoklimatologische Untersuchungen ent­stehen.

Arbeitsgebiet

Lage der Kleinregionen 1-5 (NIhK).
Abb. 1: Lage der Kleinregionen 1-5 (NIhK).

Die Arbeiten sollen sich auf fünf Kleinregionen (Mikroebenen) – die Geestinseln Flögeln und Wanna sowie die Gemarkung Lavenstedt im Elb-Weser-Dreieck, die Wildeshauser Geest und den Hümmling/Emsland – konzentrieren (Abb. 1). Aus jeder dieser Kleinregionen sind min­destens zwei der genannten Fund­platz­gruppen bekannt. Darüber hinaus liegen aus diesen Regionen bereits Unter­suchungen vor, die auf ein hohes Erkennt­nispotential der jewei­ligen Fundplatzensembles schließen lassen. Weiterhin sind in den ausgewählten Klein­regio­nen bereits palyno­lo­gische Untersuchungen durchgeführt worden bzw. Lokalitäten bekannt, an denen die Bergung von Profilen für hochauflösende pollen­analytische Un­ter­suchungen mög­lich ist.

Innerhalb der Kleinregionen ist zum einen eine vollständige Erfassung der für die Klärung der for­mulierten Fragestellung relevanten, bereits vorhandenen Archive (Funde, Grabungsdokumentationen, Proben etc.) vorgesehen. Zum anderen sind umfangreiche Geländearbeiten (archäologische und geophysikalische Prospektionen; geologisch/bodenkundliche Bohr­son­dagen, palynologische Proben­nahmen etc.) geplant, um Informationslücken zu schließen bzw. neue Erkenntnisse zu einzelnen Fund­platzensembles zu gewinnen.

Kleinregion 1: Die Geestinsel Flögeln und Sievern

Langhaus der TBK
Abb. 2: Flögeln-Eekhöltjen, Lkr. Cuxhaven, Bef. 84/7617, Langhaus der TBK (Foto: NIhK).

In der archäologischen Landesaufnahme des Landkreises Cuxhaven sind aus dem Bereich der Geest­insel Flögeln insgesamt zehn Großsteingräber und eine Steinkiste verzeichnet, so dass bereits seit langem bekannt ist, dass das Areal in neolithischer Zeit besiedelt war. In­nerhalb des DFG-Pro­jekts „Die Entwick­lungs­geschichte einer Sied­lungskammer im Elbe-Weser-Dreieck seit dem Neo­li­thikum“ bestätigte sich dies, als es im Rahmen von Prospektionsmaßnahmen gelang, u. a. eine Lokalisierung zahlreicher neolithischer Sied­lungsplätze vorzu­nehmen. Von 1971 bis 1986 wurden dann in Flögeln großflächige Ausgra­bungen im Bereich einer ausge­dehn­ten Siedlung der Römischen Kaiser­zeit und Völker­wanderungs­zeit durchgeführt, bei denen auch ein Sied­lungsplatz und mehrere Gräber des Neo­lithikums entdeckt und partiell untersucht wurden (zusam­men­fas­send Zim­mer­mann 2000). Dabei gelang es, außer einem kleinen Flach­gräber­feld und einem Großsteingrab auch zwei Langhäuser (Abb. 2) mit Umfeld sowie ein eingetieftes Gebäude, das ver­mut­lich kultische Funktion be­saß, freizulegen (zuletzt Zimmermann 2008).

Parallel zu den archäologischen Ausgrabungen fanden in Flögeln auch umfangreiche palynologische Untersuchungen statt, durch die wichtige neue Erkenntnisse zur neolithischen Wirtschaftsweise und deren Entwicklung gewonnen werden konnten (Behre 2001; Behre u. Kučan 1994, 148 ff.). Dazu wurden insgesamt zehn Kesselmoore unterschiedlicher Größe palynologisch untersucht, deren Pol­len­sequenzen vor allem die jeweilige lokale Vegetationszusammensetzung erkennen lassen. Dabei konn­te festgestellt werden, dass die neolithische Wirt­schafts­weise zu erheblichen Veränderun­gen in der Zusammensetzung der Vegetation geführt hat.

Kleinregion 2: Die Geestinsel Wanna

Meeresspiegelkurve
Abb. 3: Meeresspiegelkurve für die südliche Nordseeküste (nach BEHRE 2008, Abb. 6).
Von Moor überwachsenes Megalithgrab
Abb. 4: Von Moor überwachsenes Megalithgrab bei Wanna, Lkr. Cuxhaven, um 1930 (SPROCKHOFF/SIEBS 1957, 22).

Infolge des Meeresspiegelanstiegs (Abb. 3) ist es im Nordseeküstenraum seit dem 6. Jt. v. Chr. zum Auf­wachsen von Mooren gekommen (Petzelberger et al. 1999), die die höher gelege­nen Moränenkuppen einfassten, so dass die TBK und EGK innerhalb dieser natürlich be­grenzten Geestinseln vermutlich mit einer sich konti­nuier­lich verkleinernden Siedlungsfläche konfrontiert waren (Behre 2005). Diese Entwicklung lässt sich besonders deutlich im Bereich der Geestinsel Wanna, Ldkr. Cuxhaven, nachvollziehen. Aus dieser Kleinregion sind zehn Großsteingräber bekannt, die sich in zwei räumlich ge­trennten Zonen im südwestlichen Teil und im nordwestlichen Teil der Geestinsel konzentrieren (Abb. 4). Einige der im Häveschenberger Moor und im Ahlenmoor gelegenen Großsteingräber sind infolge der Hochmoorausbreitung bis fast zu ihrer heutigen Größe vollständig vom Moor überwachsen worden und erst durch die Entwäs­serung im Zuge des Torfab­baus und der Kulti­vie­rung wieder sichtbar geworden.

Die detaillierte palynologische und moorstrati­gra­phische Untersuchung der im Bereich der Geestinsel Wanna gelegenen Fundplätze bietet somit eine hervorragende Möglichkeit, um zu klären, in welchem zeitlichen Ver­hältnis der Beginn des Moorwachstums zum Bau und zur Nutzung der Großsteingräber stand und in welchem Umfang sich der Siedlungsraum von TBK und EBK veränderte.

Kleinregion 3: Die Wildeshauser Geest

Kleinregion 3
Abb. 5: Kleinregion 3 mit neolithischen Bodendenkmalen (NIhK).
Megalithgrab „Kleinenkneten II“
Abb. 6: Megalithgrab „Kleinenkneten II“, Lkr. Oldenburg (FANSA 2000, 131).

Die dritte Kleinregion mit gutem Forschungspotenzial zur Klärung der im Rahmen des SPP „Monu­mentalität“ zu untersuchenden Fragestellungen befindet sich im Küstenhinterland der Norddeutschen Tief­ebene und umfasst weite Teile des Wildeshauser Geestrückens (Abb. 5). Aus diesem Gebiet sind zahlreiche gut erhaltene Großsteingräber (Abb. 6) und Grabhügel der TBK/EGK bekannt, die die heutige Kulturlandschaft prägen (Fansa 2000). Es kann somit für die­ses Gebiet eine intensive Land­nutzung durch die TBK ange­nom­men werden. Weiterhin sind auch zwei Flachgräber der TBK aus der Kleinregion bekannt.

Der Kenntnisstand zu gleich­zei­tigen Siedlungen ist hingegen sehr viel schlechter und basiert im We­sentlichen auf Oberflächen­funden in Form von Flintartefakten und Keramikscherben, die den Denk­mal­behörden aus unter­schied­lichen Anlässen gemeldet wurden. Da bislang noch keine systematische Prospektion nach entsprechenden Fund­plätzen im Sinne einer archäologischen Landesaufnahme durchgeführt worden ist, ist mit einer sehr hohen Dunkelziffer noch nicht entdeckter Siedlungen zu rechnen. Vor diesem Hintergrund kommt einem hart südlich von Ahlhorn in unmittel­barer Nähe zu einem zerstörten Megalithgrab gele­genen Fundplatz große Bedeutung zu. Dort konnte das Nieder­sächsi­sche Landesamt für Denkmalpflege (NLD) bei Such­schnitten im Bereich eines Gewerbe­ge­biets Überreste einer TBK-Siedlung des späten 4. Jt. v. Chr. entdecken (Eckert 2001). Das Gebiet der Wildeshauser Geest ist gegenwärtig auch Gegenstand von umfangreichen palynologischen Unter­suchungen am NIhK.

Kleinregion 4: Der Hümmling (Emsland)

Megalithgrab bei Groß Stavern
Abb. 7: Megalithgrab bei Groß Stavern, Lkr. Emsland (FANSA 2000, 57).

Auch die vierte zu untersuchende Kleinregion liegt im Küstenhinterland; es handelt sich dabei um die Hügellandschaft des Hümm­lings im Emsland, für die eine intensive jungsteinzeitliche Besiedlung anzunehmen ist, da von diesem, den östlichen Teil des Landkreises Emsland bildenden Geestrücken mehr als 100, heute nur noch z. T. erhaltene Großsteingräber bekannt sind (Abb. 7). Aus dem Umfeld der Großsteingräber ist nach der Verbreitung von jungsteinzeitlichen Oberflächen­funden mit einer großen Zahl von Sied­lungen zu rechnen, auch wenn es im Bereich des Hümmlings bislang noch nicht eindeutig gelang, eine Siedlung der TBK mit Hausbefunden nachzuweisen (siehe Kaltofen 1991; Nösler et al. 2011).

Jüngere, modernen Ansprüchen genügende vegetationsgeschichtliche Untersuchungen, die Aussagen zur Landnutzung während der Jungstein­zeit zulassen, fehlen bislang aus dem Bereich des Hümmlings vollständig. Allerdings sind zahlreiche Niederungen und Moore unterschiedlicher Ausdehnung in der Kleinregion vorhanden, so dass gute Voraussetzungen bestehen, geeignete Pollenarchive zu er­schließen.

Kleinregion 5: Gemarkung Lavenstedt

Abb. 8: Fundplatz Lavenstedt 2012 (Foto: M. Mennenga)

Im Zentrum der im Rahmen des SPP untersuchten fünften Kleinregion steht der Fundplatz Lavenstedt, da hier eine der für Nordwestdeutschland äußerst seltenen Siedlungen mit Potenzial für die umfassende Erforschung des neolithischen Siedlungswesen entdeckt worden war. Er liegt auf einer flachen Kuppe der Zevener Geest, die im Westen an die Niederung der Oste angrenzt. Dieser Platz darf als zentraler Bestandteil einer neolithischen Kleinlandschaft gelten, zu der vier Großsteingräber, ein Flachgrab der TBK (Deichmüller 1969), mehrere Grabhügelgruppen, die zumindest teilweise neolithischen Ursprungs sind (Tempel 1984) und weitere mutmaßliche Siedlungsplätze an der Oste gehört haben. Der 2004 vom Amateurarchäologen A. Gezarzick im Bereich eines bäuerlichen Sandstichs entdeckte Fundplatz wird seit 2009 in Zusammenarbeit mit K. Gerken (Gerken, 2010) und der Kreisarchäologie Rotenburg (Wümme) systematisch prospektiert (Abb. 8), um Erkenntnisse über die Befundsituation zu gewinnen (Nösler et al. 2011).