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Voraussetzungen, Struktur und Folgen von Siedlung und Landnutzung zur Zeit der Trichterbecher- und Einzelgrabkultur in Nordwestdeutschland

Laufende Arbeiten

Nachdem die erste Projektphase in hohem Maße durch die Suche und Prospektion nach TBK- und EGK-Fundplätzen mit hohem Erkenntnispotential in allen Untersuchungsgebieten geprägt war, bilden derzeit Detailuntersuchungen an wenigen, besonders aussagekräftigen Fundplätzen den Arbeitsschwerpunkt. Die archäologischen Geländetätigkeiten konzentrieren sich daher im Bereich der Fundplätze Holzhausen, Lavenstedt und Flögeln/Sievern. Durch die intensiven Prospektionsmaßnahmen zur Bergung von geeigneten Vegetationsarchiven liegt nun aus jeder der fünf Kleinregionen mindestens ein Profil vor, das sich jeweils für die Rekonstruktion der neolithischen Vegetationsdynamiken eignet. Die pollenanalytischen Untersuchungen werden daher in allen fünf definierten Arbeitsgebieten durchgeführt.

Kleinregion 1: Die Geestinsel Flögeln und Sievern

Abb. 1: Sondage bei Sievern (Foto A. Kramer).

Ausgehend von der hervorragenden Datenbasis, deren Grundlage durch die archäologische Landesaufnahme der 1970er-Jahre (Aust 1982) und durch das von der DFG im Rahmen des SPP „Vor- und frühgeschichtliche Besiedlung des Nordseeraumes“ geforderte Projekt „Die Entwicklungsgeschichte einer Siedlungskammer seit dem Neolithikum“ geschaffen wurde, konnte mit der Erfassung und Bewertung der neolithischen Fundplatze dieses Raumes begonnen werden. Durch die Auswertung der Fundstellen, die Nahe zum Dorumer Moor und durch mehrere in seinem Umfeld gelegene Megalithgräber rückte der Platz Sievern 114 (Abb. 1) in den Fokus. Hier wurden verschiedene Sondagen, geomagnetische Messungen (Messgerät RGK) und Ausgrabungen durchgeführt bei denen neolithische Befunde und in einigen Arealen auch bronzezeitliche Strukturen aufgedeckt wurden. Die Analyse einer 14C Probe aus einer Feuerstelle ergab mit einem Alter um 3900 cal BC eine Datierung in die beginnende TBK und berührt damit auch die Frage nach dem Verlauf der Neolithisierung dieses Raumes (Nösler et al. 2011).

Die durch Behre und Kučan (1994) gewonnenen Profile aus der Siedlungskammer Flögeln dienen als Referenzprofile für die neolithische Vegetationsentwicklung und Landnutzung in Nordwestdeutschland. Bislang konnten die von den Autoren unterschiedenen Abfolgen von einer Phase mit geringem Einfluss auf die Vegetation und einer intensiveren Nutzungsphase nur qualitativ erfasst werden. Für eine absolutchronologische Einordnung werden daher mehrere AMS-Datierungen durchgeführt, um das Muster der Landnutzung mit den Nachbarregionen besser vergleichen zu können.
Für die Gegenüberstellung von lokalen und regionalen Vegetationsmustern stehen derzeit zwei weitere Profile aus der Kleinregion zur Verfügung. Das Ahlen-Falkenberger Moor ermöglicht das Abschätzen des Ausmaß des menschlichen Einflusses in direkter Nachbarschaft zur Siedlungskammer Flögeln, während das Dorumer Moor für die Rekonstruktion der neolithischen Landnutzung am Siedlungsplatz Sievern 114 herangezogen werden kann.

Kleinregion 2: Die Geestinsel Wanna

Abb. 2: Ehemals von Moor überwachsenes Megalithgrab bei Wanna (Foto D. Nösler)
Abb. 3: Torfprofile und kalibrierte Radiokarbonalter (Leibniz Labor Kiel) der überwachsenen Großsteingräber Geestinsel Wanna. Die Profile sind mit der FStNr der jeweiligen Gemarkung (WH:Wanhoden, W:Wanna) bezeichnet. (Kramer et al. 2012)

In der Kleinregion Wanna wurden im Bereich von mehreren Gräbern erste Sondagen durchgeführt, um mögliche neolithische Befunde im unmittelbaren Umfeld dieser Denkmäler aufzuspüren. Dabei erwies es sich, dass leider ein Großteil der Fläche während der Moorkultivierung tiefgepflügt wurde und somit eventuell vorhandene archäologische Objekte zerstört sind. Die ungestörten Areale beschränken sich auf einige Hundert Quadratmeter in der Nähe der Gräber. Diese blieben jedoch befundfrei.


Auf der Geestinsel Wanna wurden an mehreren verschiedenen Standorten Torfprofile für die Rekonstruktion der neolithischen Vegetationsentwicklung untersucht. Dabei erwies sich ein Großteil der Profile als zu jung oder es konnte durch oxidative Zersetzungsprozesse kein Pollen mehr isoliert werden. Es liegt jedoch ein Profil aus dem Herrschaftlichen Moor im Nordwesten der Geestinsel vor, welches als Standardprofil für die Region ausgearbeitet wird.


Um zu klaren inwieweit schon die neolithischen Siedler mit einer durch die Moorausdehnung bedingten Verkleinerung der Siedlungsflache konfrontiert waren, wurden neben den Prospektionsarbeiten zur Lokalisation von Vegetationsarchiven, Bohrungen direkt an den vom Moor überwachsenen Grossteingräbern (Abb. 2) im Untersuchungsgebiet der Geestinseln Wanna und Flögeln vorgenommen. An vier der insgesamt neun untersuchten Gräber konnten keine intakten Torfschichten mehr geborgen werden. Die Bohrungen an den übrigen fünf Gräbern wurden bis auf den pleistozänen Untergrund abgeteuft. Die Torfprofile sind durchschnittlich 1 m mächtig und zeigen eine definierte Schichtung, was auf ein ungestörtes Wachstum der Moore schließen lässt (Abb. 3). Die Proben wurden palynologisch bearbeitet und mit Hilfe der 14C-Methode datiert. Die Ergebnisse der Untersuchungen ergeben, dass die untersten Schichten erst ab dem 1. Jt. v. Chr. gebildet wurden. Dies zeigt, dass die Moorausdehnung an den untersuchten Standorten deutlich später als angenommen stattfand und daher für die neolithischen Siedler vermutlich noch keine gravierende Verkleinerung der Siedlungsflache durch eine Moorausbreitung bestand (Nösler et al. 2011; Kramer et al. 2012).

Kleinregion 3: Die Wildeshauser Geest

Auf der Wildeshauser Geest wurden im Jahr 2010 bei geomagnetischen Messungen einer vom NLD ergrabenen trichterbecherzeitlichen Siedlung in der Nähe von Holzhausen (unpublizierter Bericht Brüggler 2000) konzentrische Anomalien festgestellt, welche mit neolithischen Erdwerken zu vergleichen sind. Bei den in den folgenden Jahren durchgeführten Grabungen konnten jedoch keine anthropogen angelegten Grabenstrukturen festgestellt werden (Mennenga et al. im Druck). Bodenkundliche und geologische Untersuchungen, die von Dr. Martina Karle und Imke Brandt M.A. (beide NIhK) im Rahmen der Ausgrabung durchgeführt wurden, konnten diese Strukturen als Gelifluktionsloben erklären. Im Bereich dieser wurden wenige Gruben entdeckt, welche eisenzeitliches bis kaiserzeitliches Material enthielten (ibid).
Als zweiter Fundplatz in der Kleinregion Wildeshausen ist in den vergangenen Monaten Visbek-Uhlenkamp in den Mittelpunkt gerückt. Hier wurden durch die Firma Denkmal3D aus Visbek im Rahmen von Baubegleitenden Ausgrabungen ein trichterbecherzeitlicher Hausgrundriss und zwei Flachgräber freigelegt. Der Hausgrundriss zeigt mit seiner Wandgräbchenbauweise klare Parallelen zu den bekannten Grundrissen aus Pennigbüttel und Flögeln. Die Grabungsdokumentation und das Fundmaterial wurden von der Stadt Visbek für die Auswertung im Rahmen des SPP-Projektes zur Verfügung gestellt.
Die ursprünglichen Torfvorkommen im Bereich der Wildeshauser Geest wurden durch industriellen Torfabbau und Landwirtschaft stark dezimiert. Die Lokalisierung geeigneter Pollenprofile ist dadurch erschwert, so dass nur wenige Standorte prospektiert und beprobt werden konnten. Besondere Beachtung verdient vor diesem Hintergrund ein geborgenes Profil aus einem Niedermoor südlich von Ahlhorn in unmittelbarer Nahe zu einem zerstörten Grossteingrab und TBK-Siedlungsresten (Nösler et al. 2011). Neben weiteren Prospektionsarbeiten an den Fundplätzen Holzhausen und Visbek-Uhlenkamp, die aufgrund der Landnutzung und den damit verbundenen Entwässerungsmaßnahmen ergebnislos blieben, wurden Proben aus dem Runden Moore palynologisch untersucht. Leider ist die Zeitstellung des Profils durch mehrere Altersinversionen unsicher, neue Datierungen sind momentan in Bearbeitung.

Kleinregion 4: Der Hümmling (Emsland)

Abb. 4: Verteilung der neolithischen Besiedlung und der palynologischen Untersuchungen in der Kleinregion Hümmling (Grafik: M. Mennenga, R. Kiepe)

Am Anfang der Erforschung der neolithischen Besiedlung des Hümmlings stand die systematische Aufnahme aller Fundstellen dieser Epoche aus der ADABweb- Datenbank, dem Ortsaktenarchiv der Kreisarchäologie und der Literatur. Die Fundstellen wurden dann auf eine topographische Karte (1:25.000) eingetragen (Abb. 4). Hier ist das Fehlen potenzieller neolithischer Siedlungsstellen auffällig, was zum einen daran liegt, dass ein Großteil der Unterlagen der in den 1930er-Jahren durchgeführten archäologischen Landesaufnahme durch Kriegseinwirkungen verloren gegangen ist. Zum anderen kam es durch das Tiefpflügen im Zuge von ausgedehnten Kultivierungsmaßnahmen des 20. Jh. zum starken Verlust an archäologischer Substanz.

Die palynologischen Arbeiten auf dem Hümmling sind abgeschlossen. Bearbeitet wurde das Holschkenfehn für die Abbildung der lokalen Vegetation und des direkten menschlichen Einflusses am Standort von mehreren Großsteingräbern und zwei potentiellen TBK-Siedlungen. Das ca. 1 m mächtige Profil reicht von 4550 vor Christus bis ins Jahr 350. Das Profil aus dem Dosenmoor bei Bockholte diente der Rekonstruktion der regionalen Vegetationsgeschichte und wurde für den Abschnitt von 4500 bis 1950 vor Christus bearbeitet.
Basierend auf den Pollenspektren der beiden Profile lässt sich ein Eichenmischwald rekonstruieren, der während des ausgehenden Atlantikums und frühen Neolithikums durch Linde und Ulme geprägt war. In jüngeren Abschnitten gewann die Buche an Bedeutung und der Anteil von Pioniergehölzen sowie Siedlungszeigern nahm tendenziell zu.
Eine länger anhaltende Öffnung der Vegetation und eine Änderung in der Artenzusammensetzung des Waldes sind ab ca. 3600-3500 cal in den Spektren des Dosenmoores sichtbar. Diese Veränderungen sind vermutlich mit dem Auftreten der Westgruppe der TBK als erste vollneolithische Kultur in Nordwestdeutschland in Verbindung zu bringen. Ein direkter Einfluss des Menschen ist von 3500 bis 2600 cal BC in dem Profil des Holschkenfehns zu sehen. So treten zunächst Siedlungszeiger wie Plantago lanceolata, der Rumex acetosella-Typ und Scleranthus als typische Bestandteile der Segetalflora erstmals oder verstärkt auf, zeitgleich kommt es zu einer Öffnung des Waldes was durch einen Rückgang des Baumpollen belegt ist. Ein Manuskript über die Ergebnisse ist zur Publikation bei der Zeitschrift „Vegetation History and Archaeobotany“ eingereicht worden und befindet sich momentan in der Begutachtung (Kramer et al. in Begutachtung).

Kleinregion 5: Gemarkung Lavenstedt

Abb. 5: Schnitt im oberen Bereich des Brunnens. (Jöns und Mennenga 2012)
Abb. 6: Übersichtsprofil aus dem Huvenhoopsmoor. Das Neolithikum ist markiert. (Grafik: A. Kramer)

In der Kleinregion Lavenstedt liegt der Schwerpunkt der archäologischen Arbeiten auf der Siedlung Lavenstedt 178 bei Selsingen, zwischen Bremervörde und Zeven. 2009 wurden bei Arbeiten auf einer Sandkuppe an der Oste archäologische Fundstücke geborgen, dabei handelte es sich um Mahlsteinfragmente, Bernsteinperlen und trichterbecherzeitlichen Keramikscherben. Im selben Jahr hat die Kreisarchäologie Rotenburg/Wümme unter der Leitung von Klaus Gerken an dieser Stelle Grabungen durchgeführt um die Befundsituation zu klären. Dabei kamen deutliche Hinweise auf eine Siedlung der Trichterbecherkultur zu Tage. Im Rahmen einer Kooperation mit der Kreisarchäologie wurden ab 2010 vom NIhK geophysikalische und archäologische Untersuchungen durchgeführt. Das NIhK beschränkte sich auf die großflächigen Bereiche im beackerten Teil des Fundplatzes, während sich die Kreisarchäologie Rotenburg/Wümme in den Jahren 2010 und 2011 auf kleinere Grabungsschnitte im bewaldeten Bereich konzentrierte. Zusätzlich wurde das Umfeld von Dipl.-Biol. Stephan Schwank unter bodenkundlichen Geschichtspunkten prospektiert. Als besonderer Befund ist ein Brunnen der Trichterbecherkultur zu nennen (Abb 5), dessen Verfüllung in die Anfangsphase des Neolithikums in Nordwest-deutschland datiert. Außerdem konnten im Jahr 2012 die Pfostengruben eines etwa 10x5 m großen zweischiffigen Gebäudes dokumentiert werden, das sich auf Grund des in diesem Bereich festgestellten Fundspektrums ebenfalls in die Trichterbecherkultur datieren lässt.
Für die naturwissenschaftliche Untersuchung wurden in Lavenstedt dreizehn Standorte prospektiert, die sich größtenteils nicht für eine Rekonstruktion der neolithischen Vegetationsgeschichte eignen. Für die Analysen steht nun das Profil aus dem Naturschutzgebiet Huvenhoopsmoor zur Verfügung, das für eine Rekonstruktion der regionalen Vegetationsgeschichte herangezogen werden kann. Ein Übersichtsprofil sowie verschiedene AMS Daten liegen bereits vor, so dass die neolithischen Schichten lokalisiert werden konnten (Abb. 6). Bislang können aufgrund der geringen Auflösung keine Angaben zur Quantität und Qualität des menschlichen Einflusses auf die Vegetation gemacht werden. Auffällig sind jedoch die hohen Werte der Wildgräser einhergehend mit einem Anstieg von Corylus als Pioniergehölz und einem Rückgang von Betula, Ulmus und Tilia, die offensichtlich eine Landschaftsöffnung im Neolithikum belegen.

Geplante Arbeiten

In der archäologischen Arbeitsgruppe steht die Aufarbeitung der Ausgrabungen Lavenstedt von 2009 bis 2012 (2009-2010 durchgeführt von der Kreisarchäologie Rotenburg/ Wümme) im Vordergrund. Den Schwerpunkt der Arbeit wird die Bestimmung, Analyse und Datenaufnahme der in großen Mengen geborgenen keramischen und lithischen Funde sowie der Funde aus anderen Materialien und auch die Auswertung der Befundstrukturen stehen. Auch die Aufarbeitung der Ergebnisse aus dem Untersuchungsraum Wildeshauser Geest soll fortgesetzt werden. Zum einen soll die Aufarbeitung der Sondagen am Fundplatz von Holzhausen abgeschlossen und zum anderen mit der Auswertung der Befunde und des Fundmateriales aus dem neu entdeckten und gegrabenen Siedlungsplatz Visbek-Uhlenkamp begonnen werden. Die Dokumentation ist dem NIhK bereits von der Grabungsfirma Denkmal3D und der Stadt Visbek zur Verfügung gestellt worden. Des Weiteren ist der Abschluss der Geländearbeiten im Untersuchungsraum Flögeln/Sievern vorgesehen. Dazu sind noch einmal Sondagen im Bereich des Siedlungsplatzes Sievern 114 geplant, der aufgrund seiner Datierung in die Zeit um 3900 cal BC von besonderem Interesse für die Genese der TBK ist. Ziel der Untersuchungen wird es sein, Hinweise auf Gebäudespuren dieser Zeit und gleichzeitig Material für paläoethnobotanische und keramologische Untersuchungen zu bergen.
Im naturwissenschaftlichen Teilprojekt werden die hochauflösenden Untersuchungen der Pollenprofile weitergeführt. Im Vordergrund stehen die Analysen an den Profilen aus der Siedlungskammer Flögeln. Nach Auswertung der Profile aus dem Ahlen-Falkenberger Moor und dem Dorumer Moor sollen die Neolithisierung und die Entwicklungen der Wirtschaftsweisen mit Hilfe der neu vorliegenden Radiokarbondatierungen für Flögeln und Sievern publiziert werden. Die Analysen an den vorliegenden Profilen aus dem Huvenhoopsmoor (Kleinregion Lavenstedt) und dem Herrschaftlichen Moor (Kleinregion Wanna) werden ebenfalls weitergeführt.