Sie sind hier: Die Projekte / Monumentale Grabenwerke in Schleswig-Holstein / Projektbeschreibung
Monumentale Grabenwerke, nichtmegalithische und megalithische Grabbauten des Früh- und Mittelneolithikums in Schleswig-Holstein: Untersuchungen zu Baugeschichte, Datierung, Funktion und Landschafts­bezug der Kleinregionen Büdelsdorf und Albersdorf

Zielsetzung

Das grundsätzliche Ziel besteht darin, das Verhältnis zwischen Grabenwerken, nichtmegalithischen und megalithischen Gräbern für die südjütische Halbinsel, also ein zentrales Verbreitungsgebiet der Trichterbecher-Nordgruppe, zu klären. Dies soll geschehen durch Detailanalysen zu und den Vergleich von zwei Mikroregionen, in denen in der einen die Ausrichtung der Gräber auf das Grabenwerk gegeben ist (Büdelsdorf/Borgstedt), während in der anderen offenbar eine räumliche Trennung von Grabenwerk und Gräbern existiert (Albersdorf).

Im Fall Büdelsdorf/Borgstedt ist durch den räumlichen Bezug und die Vielfältigkeit des bereits ausgegrabenen Fundmaterials die fast einmalige Chance gegeben, feinchronologisch Grab- und Grabenanlagenphasen miteinander in Beziehung zu setzen und Fragen von sozialer Differenzierung und früher Monumentalität zu klären. Bisher konnten primär die Auswertungsarbeiten zu Borgstedt vorangetrieben werden. Diese bestätigen die chronologische Tiefe des Bestattungsplatzes und die erstaunlich lang andauernde Errichtung neuer Anlagen vom MN I bis einschließlich MN IV. Da für das Grabenwerk Büdelsdorf z. Z. von einer Errichtung und Nutzung vom FN II bis einschließlich MN II ausgegangen wird, sind die nachfolgenden Fragen noch relevanter geworden:

  • Wie entwickeln sich Grabenwerk und Innenbebauung in Büdelsdorf und wie lässt sich die erarbeitete feinchronologische Differenzierung der Gräber in Borgstedt weiter absichern? Spielen die Unterschiede zwischen megalithischen und nicht-megalithischen Gräbern und solchen zwischen Einzel- (Erdgrubengräbern und „Miniaturdolmen“) und Kollektivbestattungen eine Rolle? Wie lässt sich die Errichtung von nichtmegalithischen Kollektivgräbern im MN IV nach der megalithischen Phase MN I – MN III, wie sie sich in Borgstedt abzeichnet, erklären?

  • Wie lässt sich die Baugeschichte sowohl des Grabenwerkes und seiner Innenbebauung als auch des Megalithgrabfriedhofes korrelieren? Zu welcher Grabenwerks-Phase werden welche Gräber errichtet oder sind die Gräber erst nach einer frühen Anlage des Grabenwerkes errichtet worden?

  • Welche Funktionalität kann den einzelnen Elementen im Grabenwerk aufgrund der Fundzusammensetzungen und der Depositionsprozesse zugesprochen werden? Gibt es Nachnutzungen des Grabens? Welchen Charakter hat die Innenbebauung?

  • Können individuelle Zusammenhänge zwischen Gräbern und Grabenwerk rekonstruiert werden: Lassen sich Scherbenanpassungen vornehmen oder individuelle, möglicherweise Familien-spezifische Dekorationsmuster bzw. Schlagtechniken erarbeiten, die Grabenwerk und Gräber miteinander verbinden?

  • Wie hoch ist der Arbeitsaufwand in den einzelnen Phasen für die Anlagen und wie hoch die notwendige Rodungstätigkeit z. B. für die rekonstruierten Palisaden?

  • Welche Funktion hat Büdelsdorf/Borgstedt an der über die Eider vorgegebenen Ost-West-Verbindung zwischen Nord- und Ostsee? Lassen sich tideabhängige Wasserstände für diese Verbindung und damit auch die Bedeutung der Lokalitäten für einen Wasserweg rekonstruieren?

  • Wie steht die feinchronologisch differenzierte Baugeschichte von Grabenwerk und Gräbern in Beziehung zur lokalen Landschaftsentwicklung und regionalen Klimaentwicklung? Lassen sich aufgrund von Meeresspiegelschwankungen mit ihren Auswirkungen auf die Wasserstände der Eiderniederung z. B. Bedeutungsgewinn oder Bedeutungsverlust von Büdelsdorf/Borgstedt erklären?

  • Lässt sich der Charakter dieser Transformationszone näher charakterisieren und deren Funktion im Nord-Süd, aber auch Ost-West-Transfer modellhaft beschreiben?

Während an den bisher vorgelegten Arbeiten zu Megalithgräbern und Grabenwerken in keinem Fall ein archäologisch über die Fundbezüge nachgewiesene Beziehung dokumentiert ist, soll Büdelsdorf/Borgstedt zum Idealbeispiel einer solchen Bezugnahme werden.

Aus der Mikroregion Albersdorf sind ein Grabenwerk sowie eine Reihe von Megalithgräbern bekannt. Durch mehrere Voruntersuchungen am Grabenwerk, die nach verschiedenen Prospektionen stattfanden, war das hohe Potential des Fundplatzes bereits bekannt. Im Vergleich zu trichterbecherzeitlichen Siedlungen waren jedoch sowohl die Befunde als auch Anzahl an Oberflächenfunden spärlich, so dass es sich wohl nicht um eine profane Siedlung handelt. Aufgrund der verschiedenen Innenraumkonzepte der Grabenwerke Albersdorfs und Büdelsdorf spiegeln beide Anlagen anscheinend unterschiedliche Grabenwerkstypen wider. Die auffällige Durchlasskonstruktion in zwei Grabenunterbrechungen und die frühe Zeitstellung führten zu der Annahme bestehender Verbindungen zur Mittelgebirgszone (Michelsberg/Wartberg). Diese Vermutungen konnten jetzt durch eine großflächige Grabung bestätigt werden. Da die Megalithgräber Albersdorfs sich räumlich getrennt vom Grabenwerk befinden und, im Gegensatz zu den Gräbern Borgstedts, keine Ausrichtung auf die Anlage besitzen, muss die chronologische Relation der Fundplätze geklärt werden. Dies ist bereits an einem Megalithgrab (Brutkamp) gelungen, dessen Errichtungszeit in etwa parallel mit der Konstruktion des Grabenwerks fällt (3650-3600 calBC).

Aus den bisherigen Erkenntnissen ergeben sich folgende Fragen:

  • Datierungsfrage: Was bedeutet die gleichzeitige Anfangsdatierung des Grabenwerkes und eines Megalithgrabes? Lässt sich der Zeitansatz 3600 v. Chr. auch bei anderen Anlagetypen (Stichwort Langbetten) bestätigen? Lassen sich die zwei trichterbecherzeitlichen Phasen des Grabenwerkes mit den beiden Bauphasen des Megalithgrabes synchronisieren? Können wir entsprechende Tendenzen auch bei anderen Anlagetypen erkennen? Wie lassen sich die
    Zerstörungen oder das Auflassen der Anlagen erfassen?

  • Wie überträgt sich das im Grabenwerk festgestellte Raumkonzept von Phase zu Phase? Wie lässt sich der Widerspruch zwischen kurzfristigen Ereignissen (Recutting und Refilling) und dem möglicherweise langfristig über Jahrhunderte vorhandenem kollektiven Gedächtnis konzeptualisieren? Lassen sich typochronologisch im Rahmen der Keramikgruppen entsprechende Traditionen postulieren?

  • Lassen sich neben den typochronologischen Korrelationen zwischen dem Megalithgrab Brutkamp und dem Grabenwerk Dieksknöll noch andere Anlagetypen in die entsprechenden Zeitabläufe einbinden? Wie ist die Funktion und Position profaner Siedlungen im Raumordnungskonzept der rituellen Plätze zu verorten?
  • Wie können die Ergebnisse mit den vorliegenden und darüber hinaus noch zu erarbeitenden umweltarchäologischen Rekonstruktionen verknüpft werden?

Im Vergleich beider Mikroregionen sollen folgende Fragen beantwortet werden:

  • Lässt sich der Beginn der Errichtung von Grabenwerken und Gräbern im Büdelsdorfer Raum auf den gleichen Zeithorizont fixieren, wie wir ihn für die Kleinregion Albersdorf festgestellt haben? Handelt es sich auch hier um ein gemeinsam auftretendes Phänomen von Grabenwerken und Megalithgräbern?

  • Lassen sich die am Dieksknöll und am Brutkamp festgestellten trichterbecherzeitlichen Bauphasen und die späteren Nutzungsaktivitäten ähnlich im Büdelsdorfer Raum feststellen?

  • Warum entwickeln sich die Raumordnungskonzepte unterschiedlich? Ist dies abhängig von verschiedenen topografischen und ökologischen Voraussetzungen oder ist dies als eine bewusste kulturelle Wahl zur Raumordnung zu interpretieren?

  • Wie lassen sich die mikroregionalen Ergebnisse umsetzen für die Interpretation anderer Gebiete der Trichterbecher-Nordgruppe? Lassen sich Voraussagemodelle für weitere Grabenwerke erarbeiten?