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Die mitteldeutschen Kreisgrabenanlagen der Trichterbecherzeit – Genese, Funktion und gesellschaftliche Bedeutung

Projektbeschreibung

Abb. 4  Topographische Situation der Anlagen Belleben I und Belleben II. Aus: Amtliche Topographische Karten. © Landesamt für Vermessung und Geoinformation Sachsen-Anhalt.

Die untersuchte Kreisgrabenanlage Belleben I liegt etwa 35 km nordwestlich von Halle (Saale) zwischen den Ortschaften Belleben (Salzlandkreis) und Gerbstedt (Mansfeld-Südharz) an einem sanft nach Süd abfallenden Hang. Im Magnetogramm (Abb. 2) zeigt sich die Anlage als leichtes Oval mit einem Durchmesser von ca. 92 m in O-W  und 93 m N-S Richtung. Den größten Durchmesser mit ca. 97,5 m weist die Anlage in NO-SW Richtung auf. Der nördlichste Grabenverlauf fällt mit der Hangkuppe zusammen.

Die Anlage wird der Baalberger Kultur (4000/3900 v. Chr. - 3400/3300 v. Chr.) zugeordnet und datiert den AMS-Daten nach zu urteilen in den Zeitraum zwischen 3600 und 3400 CalBC. Mit der Baalberger Kultur tritt in Sachsen-Anhalt die erste archäologische Kultur in Erscheinung, die dem Trichterbecherkreis zugewiesen werden kann.

Sachsen-Anhalt, wie das nördliche Mitteldeutschland im Allgemeinen, ist eine für das Verständnis der Trichterbecherzeit wichtige Region, da sich hier sowohl Einflüsse aus dem Norden, dem östlichen und südöstlichen Mitteleuropa sowie aus Westeuropa nachweisen lassen.

Allgemeine Projektdaten

Projektbeginn:

01.07.2009

bisherige Laufzeit:

18 Monate (Stand Dezember 2010)

Grabungskampagnen:

2 (14 Wochen in 2009 und 11 Wochen in 2010)

Größe des Grabungsteams:

12 Studenten und 8 vom Arbeitsamt gestellte Hilfskräfte (2009)
10 Studenten und 4 vom Arbeitsamt gestellte Hilfskräfte (2010)
3 vom Arbeitsamt gestellte Hilfskräfte (10/2009 - 12/2009)

Untersuchte Fläche:

6658 m2 der ca. 10600 m2 großen Gesamtfläche

Untersuchte Grabenlänge:

185 m des Kreisgrabens (Gesamtlänge 289 m)

Bewegte Erdmassen:

5400 m3 maschinell und ca. 350 m3 manuell

Feld-/Flächenbegehung:

250 ha

Geomagnetische Prospektion:

4,5 ha

Ziele

Abb. 5  Belleben I. Deutlich zeigt sich eine schräg einfallende, keilförmige Schicht über der Grabensohle, die sich im recht folgenden Grabensegment spiegelbildlich fortsetzt. Lässt sich hier von einem Schüttkegel sprechen? Allgemein ist die scharfe Abgrenzung zwischen den Schichtpaketen auffällig.

Der Fokus des Projektes liegt auf der Untersuchung und Erforschung monumentaler jungneolithischer Großbauten, wie sie in den Kreisgraben- und Trapezgrabenanlagen dieser Zeit zum Ausdruck kommen.

Kernziel unserer Arbeiten ist zunächst die systematische Ausgrabung, Bearbeitung und umfassende Auswertung des baalbergezeitlichen Kreisgrabens Belleben I. Eine der Fragestellungen des Projektes konzentriert sich auf die Entstehung des Grabenwerks einerseits und die Verfüllprozesse andererseits. Hierzu wurde eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitern des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Halle und Beteiligten des Schwerpunktprogrammes 1400 gegründet. Es stellt sich hinsichtlich der Grabenverfüllung die Frage, ob der Prozess der Verfüllung anthropogen beeinflusst wurde oder natürlich ablief. Beim aktuellen Stand der Untersuchung häufen sich Hinweise, dass der Kreisgraben vermutlich anthropogen und intentional innerhalb eines kurzen Zeitfensters (mehrere Monate) verfüllt wurde (Abb. 5). Der wissenschaftliche Austausch mit Frau  Dr. Mechthild Klamm, Olaf Kürbis, M. A. (beide LDA Halle) und Herrn Prof.  Hans Rudolf Bork, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, ist im Gange. Vermutet wird eine gezielte Verfüllung in deren Folge Setzungsprozesse stattfanden. Zur Klärung dieser Frage werden weitere Ausgrabungsbeobachtungen, mikromorphologische Untersuchungen und Fundverteilungsanalysen beitragen können.

 

Funktion der Anlage

Abb. 6  Belleben I. Wiederholt ließen sich Kieferfragmente in Ausbuchtungen eines Befundes oder direkt auf der Sohle einer muldenförmigen Vertiefung innerhalb einer Grube beobachten.

Die Bedeutung des Fundortes Belleben I im Vergleich zu den ebenfalls baalbergezeitlichen Kreisgrabenanlagen von Glöthe und Dederstedt, liegt in der sichtlich komplexen Befundsituation in der Mikroregion. Hier liegen, nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, mindestens zwei Kreisgrabenanlagen, die relativ und absolut chronologisch in den Zeitraum der späten Baalberger Kultur fallen. Eine dritte Anlage, Lodderstedt I, die ihrem Umriss und den Lesefunden nach zu urteilen ebenfalls in diesen Zeithorizont fällt, wurde im September 2010 bei der geomagnetischen Prospektion des Umlandes entdeckt.

Für eine Interpretation dieser Anlagen ist ein Vergleich in struktureller und chronologischer Hinsicht von größter Bedeutung. Schon zum jetzigen Zeitpunkt kann aufgrund des vorliegenden Magnetogrammes von Belleben II, auf dieselbe Anzahl von Unterbrechungen und großen Gruben im Inneren der Anlagen Belleben I und II hingewiesen werden. Dies wirft die Fragen auf, ob die Gruben von Belleben II somit eine ähnliche Stratigraphie und ein ähnliches Fundspektrum aufweisen und ob sich in diesen Gruben ebenfalls Indizien für Niederlegungen, wie in Belleben I anzunehmen, finden lassen (Abb. 6).

Abb. 7  Belleben I. Aus Grube 14 konnte ein Großteil der Knochen geborgen werden. Deutlich zeigen sich Schnittspuren, die möglicherweise von unterschiedlichen Schneidewerkzeugen verursacht wurden.

Weiterhin könnten folgende Beobachtungen zur Klärung der Funktion der Anlagen hilfreich sein: Ein Großteil der Knochen wies Schnittspuren auf oder wurde zum Teil stark zerschlagen aufgefunden. (Abb. 7) Bei der Keramik fiel im Allgemeinen auf, dass die Scherben zahlreicher Gefäße über viele, meist aneinandergrenzende Kreisgrabensegmente verstreut lagen.

An dieser Stelle sind auch die vermutlich schräg aus der Erde ragenden Pfosten zu erwähnen, deren Zweck jedoch noch ungeklärt ist. Alle bisherigen Beobachtungen, Ergebnisse und Überlegungen zusammengefasst lassen vermuten, dass die Funktion der Kreisgrabenanlage sowohl im profanen als auch im sakralen Bereich lag.

Die Klärung der Funktion solcher Anlagen kann nur durch deren systematische Ausgrabung beantwortet werden. Daneben möchten wir die geophysikalische Prospektion fortgesetzten, um möglichst viele Fundstellen der Umgebung zu entdecken und dadurch einen Eindruck der gesamten Mikroregion zu gewinnen. Die Einbeziehung einer solchen mikroregionalen Untersuchung ist für die Beurteilung von Funktion und Bedeutung der Anlagen im Rahmen des Trichterbecherverbandes von erheblicher Relevanz.

Insgesamt lassen die bisherigen Untersuchungen eine gegliederte, hierarchisierte Siedlungslandschaft erkennen, in der die Denkmalgattung „Kreisgrabenanlage“ eine überaus wichtige Funktion einnimmt.