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Die mitteldeutschen Kreisgrabenanlagen der Trichterbecherzeit – Genese, Funktion und gesellschaftliche Bedeutung

Laufende Arbeiten

Im Verlauf der bisherigen Grabungskampagnen 2005, 2009 und 2010 sind etwa 64% der gesamten Kreisgrabenanlage Belleben I (Salzlandkreis, Sachsen Anhalt) archäologisch untersucht worden. Während der Grabungen konnten insgesamt 139 Einzelbefunde dokumentiert werden: Ca. 185 m des Kreisgrabens, drei „große Gruben“, eine Anzahl weiterer Gruben, sowie zahlreiche Pfostengruben. Des Weiteren überlagerte eine spätbronze-/früheisenzeitliche Grubenreihe (pit alignment) die Kreisgrabenanlage. Von dieser Grubenreihe konnte ein 88 m langer Abschnitt ausgegraben werden (siehe Abb. 1 bis 3).

 

 

Die Ausgrabung

Abb. 8  Belleben I. "Tunnelblick" durch mehrere Kreisgrabensegmente. In der linken Grabenwand sind Reste einer dunkleren Verfüllung sichtbar.

Befunde wie der Kreisgraben oder die drei „großen Gruben“ im Eingangsbereich wurden gegenständig ("Schachbrettmuster") und mit künstlich angelegten Straten von 15 cm bis 20 cm Mächtigkeit ausgegraben. Der Kreisgraben wurde bisher in 2,5 m lange Segmente unterteilt (Kreisgrabensegmente 1-19 bis 1-81). Bei dieser Länge ließen sich die Längsprofile noch gut fotografieren und die große Anzahl der entstehenden Querprofile ermöglichte ein schnelles Erkennen von Veränderungen der Grabenstruktur.

Befunde wie die drei „großen Gruben“ wurden in Quadratmeter unterteilt. An Stellen, wo es aufgrund der Befundsituation sinnvoll erschien, wurde von dieser Vorgehensweise abgewichen, der Profilschnitt anders angelegt oder das Negativ des Befundes freipräpariert (Abb. 8; Grabennegativ; Pfostenprofil; Pfostennegativ).

Der Graben

Abb. 9  Belleben I. Hauptprofil durch den Kreisgraben. Der Sohlgraben ist an dieser Stelle ca. 2,40 m tief und mindestens 3,0 m breit.

Die angelegten Querprofile im Abstand von 2,5 m zeigen in der bisher ausgegrabenen Osthälfte der Anlage, dass der Graben sowohl seine Tiefe und Breite als auch seine Form ändert. Das nördliche Grabenhauptprofil (Abb. 9) ist ca. 7 m breit und ca. 2,7 m tief. Das Profil des Kreisgrabens lässt sich als martiniglasförmig mit weit ausziehender und flach auslaufender Grabenwandung beschreiben. Die erhaltene Tiefe beträgt an der topographisch höchsten Stelle im Norden der Anlage ca. 1,90 m (2,40 m mit A-Horizont). Das südliche Grabenprofil hingegen misst in der Breite ca. 2,5 m und zeigt sich als ein trichterförmiges Profil mit gerader, 0,3 m breiter Grubensohle mit etwas über 1,10 m Tiefe. Die Gründe des sich verändernden Grabenprofils dürften in der Topographie, in Erosionsprozessen und einer arbeitsteiligen Errichtung des Erdwerks zu suchen sein. Darüber hinaus ist anzumerken, dass ein heute dokumentiertes Profil nur an wenigen Stellen den tatsächlichen Grabenquerschnitt repräsentieren dürfte. Besonders im obersten, häufig weit ausladenden, breiten aber nicht sehr tiefen Profilbereich schlagen sich vermutlich Erosionsprozesse, Vernässung und durch Mensch und Tier zertretene Bereiche nieder.

Abb. 10  Belleben I. Im Anschluss an den südlichen Grabenkopf tieft der Graben auf einer Länge von ca. 7 m trogförmig ab.

Der sich verändernde Querschnitt lässt sich vermutlich auch mit dem polygonalen Umriss des Kreisgrabens korrelieren. Die Zusammensetzung  des Kreisgrabens aus mehreren linearen oder nur leicht gebogenen Grabenabschnitten deutet wiederum auf eine segmentierte Vorgehensweise beim Ausheben des Grabens hin.

Ein weiteres auffälliges Merkmal des Grabens sind die trogförmigen Vertiefungen der beiden Grabenköpfe (Abb. 10; nördlicher Grabenkopf, Längs- und Querprofil), wobei der nördliche in auffälliger Weise eine größere Anzahl an Funden erbrachte.

 

 

Die Gruben

Abb. 11  Belleben I. Unter dem Profilsteg der Grube 14 kam über der Sohle einer muldenförmigen Vertiefung das Fragment eines Rinderkiefers zum Vorschein.

Im Zentrum der Kreisgrabenanlage, auf halber Strecke zwischen dem angenommenen Mittelpunkt der Anlage und dem Graben, sowie in unmittelbarer Nähe des Grabenverlaufes befanden sich mehrere Gruben, die sich zwar in ihrer Größe im Planum und in ihrer Tiefe unterschieden, jedoch ein ähnliches Profil zeigten: Eine senkrecht oder leicht schräg verlaufende Grubenwand auf der einen Seite und eine stark schräg verlaufende Gegenseite (Befund 124, Profil; Befund 124, Negativ; Befund 42; Befund 96). Abgesehen von kleineren Pfostengruben und den drei „großen Gruben“ zeigten sämtliche baalbergezeitlichen Gruben dieser Anlage ein Profil mit dieser charakteristischen spitzwinklig-dreieckigen Form. Auch die Längs- und Querprofile deuten auf schräg gestellte Pfosten hin. Die größte dieser Gruben besaß eine Tiefe von ca. 1,20 m.

Die drei „großen Gruben“ (Befunde 12; 13 und 14), nahe der Grabenunterbrechung, ähneln sich hinsichtlich ihrer wannenförmigen Profile. Interessant ist, dass bei den beiden größeren und fundreicheren Niederlegungen angenommen werden können. Die Absichtlichkeit wird aus der Lage der Funde (Kieferhälften bzw. Kieferfragmente) an den jeweils tiefsten Stellen der muldenförmigen Vertiefungen innerhalb der großen Gruben ersichtlich (Abb. 11).

 

 

Funde

Abb. 12  Belleben I. Die Fragmente des Gefäßes streuten über neun Grabensegmente, wobei zwei Hauptkonzentrationen auftraten: Eine im Grabenkopf und eine weitere 20 m entfernt. Zeichnung: Johanna Schüler.


Abb. 13  Belleben I. Mit einem Mündungsdurchmesser von mindestens 50 cm sticht die unvollständig erhaltene Trichterrandschale durch ihre Größe hervor. Zeichnung: Johanna Schüler.

Den größten Teil des Fundmaterials stellt die Keramik dar. Bisher konnten etwas mehr als 200 Gefäßeinheiten gebildet und aufgenommen werden. Neben dem für die Baalberger Kultur bekannten Gefäßformenspektrum sind besonders drei Gefäßeinheiten hervorzuheben: Ein Randfragment eines Tulpenbechers, eine Zylinderrandschale sowie eine große Trichterrandschale. Das Fragment des Tulpenbechers unterscheidet sich vom übrigen Inventar v. a. durch seine Randform. Letztere aber auch Machart und Farbe erinnern an Michelsberger Keramik. Die Zylinderrandschale ist aufgrund ihrer Erhaltung zu erwähnen. Die direkt aneinander passenden Fragmente streuten über die beiden Grabenköpfe und und zahlreiche Grabensegmente, insgesamt über eine Entfernung von ca. 30 m. Das Gefäß mit vollständigem Profil ist zu etwa einem ⅛ erhalten. Gepräge und Farbe setzen es jedoch von den übrigen Gefäßen ab. Ein drittes nennenswertes Gefäß ist eine unvollständig erhaltene Trichterrandschale, deren Besonderheit in ihrer Größe liegt. Sie besitzt einen Bodendurchmesser von 19,7 cm und Mündungsweite von mindestens 50 cm bei einer erhaltenen Höhe von nur rund 20  cm (Abb. 12; 13).

Bei der Rekonstruktion von Gefäßeinheiten zeigte sich, dass die Fragmente der meisten Gefäße über mehrere Grabensegmente und größere Entfernungen streuen. Direkte Anpassungen bei Gefäßeinheiten bestätigen die räumliche Streuung eines zerscherbten Gefäßes. Lässt sich die Streuung der Gefäßfragmente innerhalb des Grabens auf taphonomische Prozesse zurückführen oder verbergen sich hierin vielmehr anthropogene Handlungen?

Abb. 14  Belleben I. Eine Auswahl von Silexartefakten unterschiedlichen Rohmaterials.

Eine erste Durchsicht der Silexartefakte zeigte ein inhomogenes Inventar, sowohl was das Rohmaterial als auch das Typenspektrum betrifft. Neben modifizierten Klingen treten Pfeilspitzen, Querschneider und ausgesplitterte Stücke auf (Abb. 14). Auffällig ist eine Gruppe von Abschlägen mit geradem, ca. 2 cm breitem Distalende (durch ein größeres Negativ auf der Dorsalseite ausgebildet). Makroskopisch zeigen einige Stücke Gebrauchsspuren. Dies verwundert nicht, denn zahlreiche Knochen weisen tiefe Schnittspuren auf. Insgesamt fällt im Vergleich zu anderen neolithischen Inventaren die geringe Größe der Stücke aus Belleben I auf.

Da wir uns in Belleben I in einer weitgehend gesteinsfreien Lößlandschaft befinden, wurde annähernd jedes Gestein, das bei der Grabung zu Tage trat, inventarisiert. Hintergrund ist das Auftreten von über die gesamte Anlage streuenden roten Sandsteinfragmenten. Diese konnten während des Anlegens des Baggerplanums vor allem aus dem Bereich des Grabens geborgen werden. Die Herkunft dieses Sandsteins wurde in einem etwa 10 km entfernt liegenden Aufschluss lokalisiert. Aber auch zahlreiche weitere ortsfremde Gesteine kamen aus dem Graben und den Gruben zu Tage.

Abb. 15  Belleben I. Metallröhrchen aus dem Kreisgraben.

Eine überaus wichtige Fundgattung der Kreisgrabenanlage stellen die Tierknochen dar. In den Grabungskampagnen 2009 und 2010 wurden rund 1600 Knochen  und Knochenfragmente mit einem Gesamtgewicht von 13,8 kg geborgen. Bei unserer ersten Durchsicht stellten wir zahlreiche Schnittspuren fest. An dieser Stelle ist anzumerken, dass der Fragmentierungsgrad des Knochenmaterials zwischen den Gruben aber auch zwischen Graben und Gruben stark variiert. In der „großen Grube“ (Befund 14) beispielsweise ist das Verhältnis von Knochengewicht und Fundanzahl gegenüber den Knochenfunden aus dem Graben gegenläufig, d.h. trotz geringerer Knochenzahl in Befund 14 ist das Gewicht ungleich höher. Dies liegt an der unterschiedlichen „Behandlung“ bzw. am unterschiedlichen Fragmentierungsgrad der Knochen.

Aus dem Graben im nördlichen Bereich der Anlage (Befund 1-34) wurde ein ca. 4,5 cm langes und ca. 0,3 cm großes Kupferröhrchen geborgen. Dies ist einer der wenigen Metallfunde der Baalberger Kultur in Sachsen-Anhalt, der nicht aus einem Grabzusammenhang stammt und vermutlich der erste aus einem Grabenwerk (Abb. 15).

Durchgeführte geophysikalische Prospektionen und Feldbegehungen

Abb. 16  Belleben II.


Abb. 17  Lodderstedt I. Lage: 2 km WSW von Belleben I, Größe: ca. 85 m x 90 (?) m.

Im August und September 2010 wurde mit dem institutseigenen 5 Kanal Fluxgate Vertikalgradiometer FGM650 eine Sondierung verschiedener Flächen in einem Radius von bis zu 2 km um Belleben I durchgeführt. Bei dieser geomagnetischen Flächenprospektion in der Mikroregion sind zahlreiche Fundstellen entdeckt worden (Abb. 16; 17).

Neben zwei möglicherweise bronzezeitlichen Kreisgräben sowie einem Areal mit mutmaßlichen Grubenhäusern und unzähligen Gruben nordwestlich der Ortschaft Belleben, ist vor allem die Entdeckung einer weiteren Kreisgrabenanlage, Lodderstedt I, hervorzuheben (Tab. 1). Sie liegt fast exakt 2 km WSW von Belleben I entfernt. Auch zu Belleben II beträgt die Entfernung fast genau 2 km. Die Fundstelle Lodderstedt I ist noch nicht datiert. Allerdings sind bei Feldbegehungen zahlreiche Silices und Keramikfragmente jungneolithischen Gepräges aufgelesen worden.

Kreisgraben

gesichert und datiert

gesichert aber undatiert

unsichere Fundstelle

Belleben I

baalbergezeitlich

-

-

Belleben II

baalbergezeitlich

-

-

Belleben III

bronzezeitlich

-

-

Belleben IV

-

-

prüfen (Geomagnetik)

Lodderstedt I

-

jungneolithisch ?

-

Gerbstedt I

-

-

prüfen (Geomagnetik)

Tab. 1 Übersicht über die Kreisgrabenanlagen der Mikroregion um Belleben und Gerbstedt (Salzlandkreis und Lkr. Mansfeld Südharz, Sachsen Anhalt).

 

 

Abb. 18  Ergebnisse der durchgeführten Messungen (Geoseismik und Georadar). Abb: D. Wilken.


Abb. 19  Ergebnisse der archäobotanischen Makroanalysen. Nach: S. Klooß, persönliche Mitteilung.

Am 25.08.2010 besuchte uns eine Arbeitsgruppe des Geophysikalischen Institutes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, um an der Trapezgrabenanlage II neben Belleben II geophysikalische Messungen durchzuführen. Ziel war es u. a., herauszufinden, ob im Zentrum der Trapezgrabenanlage II mit einer Steinpackung, einem Hohlraum oder einer Steinsetzung im Gräbchen gerechnet werden kann. Die Untersuchungen zeigten beim Radar eine schwache Reflexionsamplitude, was darauf schließen lässt, dass keine Steinumrandung zu erwarten ist (persönliche Mitteilung Dr. D. Wilken). Überraschenderweise kam jedoch im Inneren der Trapezgrabenanlage ein Befundbild zu Tage, dessen Umriss einem rechtsseitigen Hocker ähnelt. Auch ein Gefäß ist möglicherweise an Rand der sichtbaren Grabgrube zu erkennen. Falls sich diese Beobachtungen im Grabungsbefund bestätigen würden, wäre die Georadar Messung eine äußerst aussagekräftige Methode, die unter bestimmten Voraussetzungen detailliertere Aussagen als die geomagnetische Prospektion zuließe (Abb. 18)

Je Graben  oder Grubensegment wurde aus jedem 20 cm-Stratum ein Eimer Erde (ca. 10 l) geschlämmt, bzw. über ein Sieb mit der Maschenweite 400 µm „dekantiert“. Das im Eimer zurückbleibende Sediment schlämmten wir darüber hinaus mit zwei weiteren Sieben (Maschenweiten 4 mm und 1 mm). Aus dem Kreisgraben kamen bei diesen Maschenweiten eine aus Erdwerksgräben erfahrungsgemäß zu erwartende Menge makroskopisch erkennbarer Funde zu Tage. Im Gegensatz dazu ließen sich aus den großen Gruben im Inneren der Anlage sehr viele Funde bergen: Kleine Silexabschläge sowie Silexabsplisse, millimetergroße Keramik, Knochen- und Holzkohlefragmente, Mollusken sowie botanische Makroreste (Abb. 19).

Auffällig ist auch, dass die Funde im Graben überwiegend wenige Zentimeter über der Grabensohle bzw. über einer ca. 3 cm bis 5 cm mächtigen hellgrau-braunen Schicht zu finden waren.

 

Insgesamt betrachtet lassen die bisherigen Untersuchungen eine gegliederte, hierarchisierte Siedlungslandschaft erkennen, in der die Denkmälergattung „Kreisgrabenanlage“ eine besondere Funktion einnimmt.

Mit der Untersuchung der Anlage von Belleben I sind wir der Klärung unserer Fragen bereits einen Schritt nähergekommen. Nach der Analyse zeitgleicher oder demselben Zeithorizont angehörender Kreisgrabenanlagen und dem Vergleich mit Rondellen vorausgehender und nachfolgender Epochen werden wir auch die Genese und Bedeutung des Phänomens besser verstehen können.