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Megalithlandschaft Südostrügen - Die Komplexität neolithischer Gesellschaften im Spiegel landschaftsarchäologischer Untersuchungen einer Schlüsselregion

Das Projekt Megalithlandschaft Südostrügen

Das Forschungsprojekt

Die ca. 962 qkm große Insel Rügen zeichnet ein außerordentlicher Reichtum an archäologischen Fundplätzen aus. Die Landschaft ist stark gegliedert und verfügt über eine differenzierte naturräumliche Ausstattung. Am deutlichsten tritt dies im Südosten der Insel zutage, auf die sich die zukünftigen Forschungen konzentrieren werden.

Im Denkmal-GIS von Mecklenburg-Vorpommern sind nahezu alle Fundstellen Rügens bereits erfasst. Zu den markantesten archäologischen Denkmälern zählen die Megalithgräber. Von der Insel sind nahezu 250 bekannt. Weniger spektakulär, aber ebenso aussagekräftig sind die ca. 2000 neolithischen Oberflächenfundplätze Rügens und die etwa 500 Feuersteinschlagplätze, die sich vor allem im östlichen Inselbereich befinden. Die reichen Daten bieten für geplante GIS-gestützte landschaftsarchäologische Analysen hervorragende Voraussetzungen. Die Datengrundlage soll durch Prospektionen und Ausgrabungen im Umfeld der Großsteingräber und Siedlungsplätze, vor allem in Feuchtgebieten des südöstlichen Inselteils, ergänzt werden.

Aussagefähige archäologische Daten und ein hochdiverser Naturraum erlauben es in hervorragender Weise, die Interaktion Mensch – Umwelt in einer Kleinlandschaft vergleichend zu untersuchen. Die Auswertung der Daten eröffnet darüber hinaus die Möglichkeit, die Sozial- und Wirtschaftsstruktur neolithischer Gesellschaften und deren Ideenwelt auf der Mikro-Ebene zu erforschen. Damit sollen zugleich Metadaten für Modellbildungen gewonnen werden, um dem Phänomen komplexer Gesellschaften auch auf der Meso- und Makroebene gerecht zu werden.

 

Stand der Forschung und Vorarbeiten

Es gibt diverse Vorarbeiten, die eine ideale Grundlage für das DFG-Projekt „Südostrügen“ bilden. Die bereits vorhandenen Daten bieten zusammen mit den noch zu generierenden Daten des DFG-Projektes besondere Chancen zum Verständnis der Sozial- und Wirtschaftsstruktur neolithischer Gesellschaften auf der Insel Rügen.

Die landschaftsgeschichtliche Entwicklung der Insel Rügen steht bereits seit längerer Zeit im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Für archäologische Fragestellungen sind besonders die landschaftsgeschichtlichen Studien von E. Lange, L. Jeschke und H.-D. Knapp (1986) zu erwähnen. Damit stehen sehr gute Vorarbeiten für die naturräumliche Gliederung und Entwicklung der Insel sowie die Vegetationsgeschichte mit 33 ausgewerteten Pollenprofilen zur Verfügung, wovon 13 bis in die Pollenzone VII reichen.

Mit der DFG-Forschergruppe „Sinking Coasts - Geosphere, Ecosphere and Anthroposphere of the Holocene Southern Baltic Sea“ (SINCOS; Sprecher: F. Lüth/J. Harff) konnten seit Herbst 2002 mit verschiedenen Projekten in der Region Rügen wertvolle Ergebnisse zur Landschaftsgeschichte und Archäologie generiert werden.

Seit dem Frühjahr 2008 ist das von der DFG geförderte Projekt „Populationsgenetik der späten Sammler-Jäger-Fischergemeinschaften und der frühen Bauern im nördlichen Mitteleuropa und seinen angrenzenden Gebieten“ angelaufen (Projektleiter: J. Burger, F. Lüth und T. Terberger). Ziel des Vorhabens ist es, Einblicke zur Entwicklung der neolithischen Bevölkerung zu erhalten und zwar insbesondere zur Frage, ob und inwieweit die frühen Bauern in Norddeutschland durch Kontinuität oder Zuwanderungen geprägt wurden. Dazu werden derzeit Proben von Menschenresten zur Gewinnung alter mtDNA von Skelettresten auch aus Rügener Befunden genommen.

In Mecklenburg-Vorpommern sind die Fundstellen des Landes in einem DenkmalGIS erfasst. In dieser Datenbank, die auf eine Schnellinventarisation zurückgeht, stehen auch Datensätze zu den spätmesolithischen und v. a. neolithischen Fundstellen der Insel Rügen zur Verfügung.

Der Kenntnisstand zum trichterbecherzeitlichen Siedlungswesen der Insel ist bescheiden. Neben einer Vielzahl von oberflächig aufgelesenem Siedlungsmaterial, liegt Material vor allem aus einigen Notbergungen und kleineren Untersuchungen vor (u.a. Volsvitz, Reddevitzer Hövt, Sellin, Ralswiek: Nilius/Warnke 1984). Im Jahre 2005 wurden zudem über das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege im Untersuchungsgebiet Ausgrabungen an der steinzeitlichen Ufersiedlung Baabe Fp. 2 östlich des Selliner Sees durchgeführt. Im Rahmen dieser Ausgrabung konnten auch eine Kulturschicht der jüngeren Trichterbecherkultur erfasst werden(Hirsch/Klooß/Klooß, 2007). 

 Die Megalithgräber waren aufgrund ihrer großen Zahl auf der Insel Rügen,seit jeher von großem Interesse. Bereits die Matrikelkarten der schwedischen Landesaufnahme von Vorpommern (angefertigt zwischen 1692 und 1709) vermerkt Großsteingräber. Die von Friedrich von Hagenow angefertigte Speciale Charte der Insel Rügen von 1830 verzeichnet nicht nur die Lage der 236 damals noch vorhandenen Großsteingräber, sondern auch deren Form, Größe und Ausrichtung ihrer Überhügelung. Eine vergleichende Betrachtung der Großsteingräber über ihr äußeres Erscheinungsbild hinaus gelang erst mit den großräumig angelegten Untersuchungen von Sprockhoff (1938; 1967) und Schuldt (1972).

 

Ziele

Die naturräumlichen Gegebenheiten der Insel Rügen und der reiche archäologische Datenbestand bieten exzellente Voraussetzungen zur Erforschung früher Monumentalität und der Struktur neolithischer Gesellschaften. Ausgehend von einer GIS-gestützten landschaftsarchäologischen Analyse werden die Lage von Siedlungen und Grabanlagen untersucht. Berücksichtigt werden naturräumliche Faktoren (Böden, Relief, Bezug zu Gewässern, Pollenprofile u.a.) und die archäologischen Daten.

Die Qualität der im DenkmalGIS, in den Ortsakten und Publikationen vorhandenen Informationen wird im Laufe des Projektes durch Geländearbeiten geprüft und in der ausgewählten Arbeitsregion entscheidend verbessert. An den Großsteingräbern sollen mit modernen Prospektionsmethoden und Grabungen neue Aufschlüsse zum Beginn, zur Entwicklung und zur Nutzungsweise der Anlagen gewonnen werden. Dabei soll regionalen Charakteristika der Anlagen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

An den Siedlungsplätzen sollen mit Prospektionen und Grabungsschnitten die nähere chronologische Einordnung, die Funktion und die ökonomische Grundlage der trichterbecherzeitlichen Plätze untersucht werden.

Die Arbeiten werden durch bodenkundliche Untersuchungen und palynologische Arbeiten –unter Berücksichtigung früherer Ergebnisse – in der Mikroregion begleitet. Auf der Basis der verschiedenen Ergebnisse soll die Entwicklung der Wirtschaftsweise und das Zusammenspiel von Siedlungsdynamik und Megalithgrablandschaft in dieser Mikroregion in bisher nicht gekannter Qualität mit Hilfe der GIS-Analyse erarbeitet werden.

Die gewonnen Ergebnisse sollen auch zum Verständnis der Mesoebene Rügens beitragen. Auf dieser Betrachtungsebene kommt dann auch der Nutzung der Feuersteinvorkommen der Insel eine wichtige Rolle zu und hier insbesondere der Frage, inwieweit Rügen in einen überregionalen Austausch mit dem Rohstoff bzw. Feuersteinprodukten eingebunden war.