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Megalithanlagen und Siedlungsmuster im trichterbecherzeitlichen Ostholstein (3500-2700 v.Chr.): Mittleres Travetal und Westlicher Oldenburger Graben

Zielsetzung

Lage der Mikroregionen „Mittleres Traveteal“ und „Westlicher Oldenburger Graben“ in Schleswig-Holstein
Lage der Mikroregionen „Mittleres Traveteal“ und „Westlicher Oldenburger Graben“ in Schleswig-Holstein

Die Rekonstruktion einer früh- und mittelneolithischen Siedlungs- und Grablandschaft und damit die Klärung der Bezüge primär von Großsteinanlagen und Siedlungen in einem der fundreichsten südlichen Verbreitungsgebiete der Trichterbecher-Nordgruppe ist grundsätzliches Ziel des Arbeitsprogramms. Ausgewählt wurden zwei Mikroregionen Ostholsteins: ein küstennahes Gebiet mit der beidseitigen Verbreitung von Großsteinanlagen an einer linear wirkenden ehemaligen Förde und ein beckenartiger Siedlungsschwerpunkt im Landesinneren an der mittleren Trave. Dort befinden sich die Großsteinanlagen eher in den Randbereichen der gesamten Niederung.

Die naturräumlichen Gegebenheiten der beiden Mikroregionen und der reiche archäologische Datenbestand bieten hervorragende Voraussetzungen zur Erforschung des Siedlungsverhaltens trichterbecherzeitlicher Gesellschaften in unterschiedlichen Landschaftsräumen und der Bedeutung von früher Monumentalität in der Grabarchitektur.

Damit wird erstmals für die Trichterbecher-Nordgruppe auf der südjütischen Halbinsel das Verhältnis Großsteingräber – Siedlungen – Umwelt untersucht.

Aufgrund des bereits bekannten Mosaiks der Fundplatzverbreitung im gesamten Verbreitungsgebiet der TRB-Nordgruppe kann diese Zielsetzung nur durch die Evaluation einer küstennahen Teilregion und einer Inlandsregion untersucht werden. Aufgrund der Vorarbeiten wurden hierfür zwei Kleinregionen Ostholsteins ausgesucht, die mit dem westlichen Oldenburger Graben hervorragende Bedingungen für küstenorientierte Fragestellungen bietet, mit dem mittleren Travetal solche für eine Inlandsregion. Aufgrund der in beiden Gebieten vorhandenen Feuchtbodenerhaltung mittelneolithischer Siedlungen können zielorientiert wesentlich besser u. a. ökonomische und ökologische Aspekte rekonstruiert werden als dies in anderen Arealen der Fall wäre.

Teilziele und Methoden

Konkret handelt es sich um folgende Teilziele, die sowohl im westlichen Oldenburger Graben als auch im Mittleren Travetal relevant sind:

  1. Die Ausgrabungen von jeweils einem bereits bekannten mittelneolithischen Siedlungsplatz mit Feuchtbodenerhaltung dienen der Klärung der Organisation und des Formenbestandes mittelneolithi­scher Fundplätze. Unter Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden sollen einerseits geschlossene Siedlungsbefunde mit trichterbecherzeitlichen Inventaren, andererseits Funktion und Aufbau der entsprechenden Fundplätze untersucht werden. Dazu gehören archäobotanische und archäozoologische Fundbearbeitungen. Fragen, die beantwortet werden sollen, lauten: Wann beginnen Siedlungsaktivitäten? Welche Inventarspektren liegen vor? Welche Wirtschaftsformen lassen sich rekonstruieren? Können Aktivitätszonen und Architektur rekonstruiert werden? Lassen sich wichtige Entwicklungsunterschiede einzelner mittelneolithischer Phasen rekonstruieren?

  1. Prospektionen inklusive kleinerer Sondagen dienen in beiden Teilgebieten dazu, die aus den Siedlungsgrabungen gewonnen Erkenntnisse in den räumlichen Zusammenhang mit weiteren Fundplätzen zu stellen. Entsprechend ist es ein Teilziel, das räumliche Verhältnis zwischen Großsteinanlagen, Deponierungsplätzen und Siedlungen aufzuzeigen und zu klären, ob das beobachtete Fehlen von Grabenwerken bestätigt werden kann.

  1. Die Ausgrabungen jeweils eines Großsteingrabes in beiden Teilregionen sollen das Potential auf­zeigen, das mit modernster und zeitintensiver Grabungstechnik ermöglicht wird. Die Klärung der Architektur in Breite und Tiefe ihrer Entwicklung, die Frage von Depositionsprozessen vor und in der Grabkammer und in der mittelbaren Umgebung der Monumente und Hinweise zum Be­stattungsritual, natürlich auch zu Charakter und Dauer der sakralen Aktivitäten, werden erwartet. Fragen, die beantwortet werden sollen, lauten: Wann begann die Errichtung der Anlagen? Gibt es Unterschiede zwischen den Inventarspektren innerhalb und vor den Grabkammern? Lassen sich unterschiedliche Belegungshorizonte differenzieren? Wie lange wurde nachbestattet?

  1. Pollenanalytische, anthrakologische, paläobotanische und sedimentologische Untersuchungen dienen dazu, die Umweltverhältnisse in beiden Teilregion zu rekonstruieren. Einzelne Fragen stehen im Vordergrund: Wann begannen die Umweltveränderungen aufgrund der neolithischen Besiedlung und der Monumentalarchitek­tur? Wie intensiv war die trichterbecherzeitliche Besiedlung? Wie offen war das Landschaftsbild und was für Bedingungen herrschten für die Sichtbarkeit der Fundplätze, insbesondere zwischen Gräbern und Siedlungen vor?

  1. Eine integrierte Betrachtungsweise von paläoökologischen Daten und Struktur- und Inventar­vergleichen aus profanen und sakralen Fundplätzen (sowohl Grabungs- als auch Prospektionsdaten) wird in jeder Teilregion in einer GIS-Analyse das Gesamtbild von neolithischer Monumentalarchitektur, Siedlungsstrukturen und Umweltveränderungen klä­ren. Konkret sind folgende Fragen zu stellen: Liegen Unterschiede in den Inventarspektren zwischen sakralen und profanen Fundplätzen vor, so dass sich unterschiedliche Bedeutungs­inhalte identifizieren lassen? Lassen sich einzelne Grabgruppen einzelnen Siedlungen zuordnen? Existieren räumliche Bezüge innerhalb der Landschaftseinheiten? Damit sollen möglichst feinchronologisch differenziert Aspekte der Raumordnung und der sozialen Differenzierung (mit ihrer Repräsentanz in den Monumenten) abgebildet werden.

  1. Ausgehend von den Rekonstruktionen typochronologischer, ökologischer, ökonomischer und raumbezogener Entwicklungen in den beiden Teilgebieten wird erwartet, dass über einen systematischen Vergleich Westlicher Oldenburger Graben/Mittleres Travetal Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Küste und Inland geklärt werden können. Als Ergebnis dürfte die Rekonstruktion der jungsteinzeitlichen Organisation der maritimen Kulturlandschaft im Unterschied zur binnenländischen entscheidende Hinweise zu sozialer Differenzierung und früher Monumentalität bieten.