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Genese und Struktur der hessisch-westfälischen Megalithik am Beispiel der Soester Gruppe

Forschungsziele und Methoden

Das Projektvorhaben gliedert sich in drei Ebenen, die den im SPP vorgegebenen räumlichen Ebenen folgen (Abb. 3). Die Mikroebene bildet die Erforschung der Kollektivgrabnekropole Schmerlecke. Die Studien zum unmittelbaren Umfeld der Gräber der Soester Gruppe hinsichtlich weiterer bisher unbekannter Anlagen, zugehöriger Siedlungsplätze und der Bezüge zu benachbarten Grabenwerken umfassen die Mesoebene. In einer dritten, übergeordneten Makroebene sollen die gesammelten Erkenntnisse mit den bekannten Daten der hessisch-westfälischen Megalithik und mit den im SPP gewonnenen Ergebnissen korreliert und verglichen werden.

Abb. 3 Forschungsziele des Projekts (Grafik K. Schierhold)

Archäologie

Auf der Grundlage der bereits geleisteten Vorarbeiten sollen gezielte Untersuchungen der Gräber in Schmerlecke sowie Sondagen im Bereich der Kreisgräben stattfinden. Die geophysikalischen Prospektionen haben gezeigt, dass noch unbekannte Anlagen in der nahen Umgebung bereits dokumentierter Gräber schnell und zerstörungsfrei aufgefunden werden können. Außer der Schmerlecker Nekropole sind in der Soester Gruppe bisher nur einzeln gelegene Anlagen bekannt, so dass die Untersuchung des unmittelbaren Umfeldes dieser Gräber weitere möglicherweise zugehörige Anlagen aufdecken kann. Damit einhergehend soll die Rolle des Fundplatzes Schmerlecke als möglicher zentraler Bezugspunkt der Soester Gruppe untersucht werden. Zu hinterfragen ist auch, was sich daraus für die Rekonstruktion der Bevölkerungsstruktur in der Soester Gruppe ergibt. Ein zweiter Schwerpunkt der Erforschungen des Umfeldes der Gräber liegt auf der Lokalisierung und chronologischen Einordnung der zugehörigen Siedlung(en). Flurbegehungen und weitere geophysikalische Prospektionen an ausgewählten Plätzen sollen dazu Aufschluss geben. In diesem Zusammenhang sind auch die möglichen Verbindungen zu Grabenwerken der nahen Umgebung zu untersuchen. Ziel der dritten Projektphase ist es, die gesammelten Daten zusammenzuführen und Siedlungsmuster innerhalb der Soester Gruppe herauszuarbeiten. Damit einher gehen GIS-basierte Analysen zur Bestimmung möglicher wechselseitiger Bezüge der Gräber/Grabgruppen, Siedlungen und Grabenwerke untereinander, die mit anderen im SPP untersuchten Regionen ähnlicher Strukturen korreliert werden sollen. Ebenfalls angestrebt werden Aussagen zur Bevölkerungsstruktur bzw. Paläodemographie, die einerseits auf der Basis der anthropologischen Untersuchungen in Schmerlecke fußen, weiterhin auch die Ergebnisse der ähnlich gelagerten Projekte des SPP einbeziehen.

Anthropologie und Paläopathologie

Paläopathologie, ein neues Arbeitsgebiet, das sich mit der naturwissenschaftlich-medizinischen Untersuchung archäologischer Skeletfunde befasst, ist zwischen Medizin, Anthropologie und Archäologie einzuordnen (Ortner 2003). Ein archäologischer Skeletfund versteht sich als bio-historische Urkunde, da er zuverlässige Informationen über vergangene Lebensbedingungen vermittelt – auch für Zeiten, in denen es noch keine schriftliche Überlieferung gab (Schultz & Schmidt-Schultz 2007). In Grenzen ermöglicht ein archäologischer Skeletfund auch die Erstellung einer „Biographie“ eines Menschen, der vor Jahrtausenden gelebt hat (Schultz & Kunter 1999, Schultz et al. 2003, Schultz & Schmidt-Schultz 2005). Ziel einer paläopathologischen Untersuchung ist die Erforschung von Krankheitsursachen (Ätiologie) und Krankheitshäufigkeiten (Epidemiologie) bei den Menschen bestimmter Kulturperioden (Roumelis 2007, Schultz et al. 2007b). Gelegentlich werden mehrere Populationen desselben geographischen Großraums und derselben Kulturperiode untersucht, um anhand des Krankheitsmusters soziale, ökonomische und politische Unterschiede herauszuarbeiten (Gresky 2006, Roumelis 2007, Schultz 2001b). Bisweilen lassen sich Krankheitsursachen auch auf bestimmte Eigenschaften des Biotops zurückführen (Gresky 2006). Dies alles macht deutlich, dass die Ergebnisse einer detaillierten paläopathologischen Untersuchung durchaus in der Lage sind, äußere Lebensbedingungen und Umweltverhältnisse einer vor- oder frühgeschichtlichen Population – beispielsweise Ernährung, Wohn- und Arbeitsverhältnisse, geographische und klimatische Gegebenheiten sowie hygienische und sanitäre Bedingungen – zuverlässig zu rekonstruieren (Schultz 1982). Aus diesem Grund stellt die Megalithgrabnekropole von Erwitte-Schmerlecke, Kr. Soest, geradezu einen Glücksfall dar: Aus dieser frühen Zeit liegen für diesen geographischen Raum noch keine umfangreichen paläopathologisch-bioarchäologischen Ergebnisse vor.

Die anthropologische Untersuchung der Skeletfunde aus Schmerlecke beinhaltet die fachgemäße Reinigung der Skelete, die Zuordnung der verstreuten Knochen und Knochenfragmente zu den einzelnen Bestatteten, Alters- und Geschlechtsbestimmung, Körperhöhenberechnung, Bestimmung der Händigkeit (Rechts- / Linkshänder), des Konstitutionstypus und der geographischen Herkunft (morphologischer Typus) sowie epigenetischer Merkmale.

Die routinemäßige Erhebung von Befunden bei der paläopathologischen Untersuchung erfolgt durch makroskopische, lupenmikroskopische, endoskopische, röntgenologische, licht- und rasterelektronenmikroskopische Analysen, sowie durch die Untersuchung auf stabile Isotope und der alten DNA (aDNA). Alle Befunde werden fotografisch und/oder zeichnerisch dokumentiert. Außerdem werden verschiedene Messungen durchgeführt.