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Genese und Struktur der hessisch-westfälischen Megalithik am Beispiel der Soester Gruppe

Beispiele für Methoden in der Paläopathologie, wie sie auch für die Skelette aus der Megalithgrabnekropole von Schmerlecke Anwendung finden

Makroskopische Untersuchung

Die makroskopische Begutachtung erfolgt unter Streiflicht (nahezu tangential einfallendes Licht) mit zusätzlicher Verwendung von Lupen mit fünf- bis zehnfacher Vergrößerung. Begutachtet werden der Gelenkstatus der Extremitäten und der Wirbelsäule, das Vorliegen krankhafter Langknochenverbiegungen bzw. -asymmetrien, Zusammenhangstrennungen einzelner Knochen, eine Vermehrung bzw. Verminderung von Knochengewebe (z. B. Auflagerungen), der Zahnstatus und der Zustand des Zahnhalteapparates sowie gelegentlich auftretende Weichteilverknöcherungen (Abb. 4).

Abb. 4: Rechte Seite des Unterkiefers eines spätadulten weiblichen Individuums aus Wandersleben (Linearbandkeramik, Thüringen). Im Hintergrund ist ein devitaler Zahn (48) erkennbar. Der Zahn im Vordergrund (46) weist okklusal und mesial Kariesdefekte auf. Bukkal befinden sich Reste von Zahnstein am Unterrand der Krone und am oberen Rand der Wurzel. Außerdem sind bukkal ein durch den Alveolarknochen durchgebrochener Zahnwurzelabszess und rundherum aufgelagerte poröse Platten eines hämorrhagisch-entzündlichen Prozesses (durch den Abszess) zu sehen. Am mesialen Alveolarrand ist eine beginnende Zahnfleischtasche zu beobachten. Des Weiteren lag Parodontitis des Grades IV vor. (Foto S. Klingner)
Endoskopische Untersuchung

Die Endoskopie erlaubt als nicht-invasive Methode eine Untersuchung des Schädelinnenraumes, der meist paarig ausgebildeten Nasennebenhöhlen, des Mittelohres mit seinen benachbarten Räumen im Schläfenbein und der Markhöhle von Langknochen. So werden feine knöcherne Veränderungen, die in diesen Bereichen entstehen können, nachgewiesen, die auch mit neueren radiologischen Verfahren (z.B. Computertomographie) nicht darstellbar sind (Abb. 5).

Abb. 5 Endoskopfoto einer rechten Cellula ethmoidalis eines senilen wahrscheinlich weiblichen Individuums aus Wandersleben (Linearbandkeramik, Thüringen). Die hier erkennbare wulstige Oberfläche mit gestielten platten- und höckerartigen Neubildungen ist auf dem Boden einer chronischen Entzündung entstanden. (Endoskopfoto S. Klingner)
Röntgenologische Untersuchung

Das konventionelle Röntgen ist ebenfalls eine nicht-invasive Methode. Sie dient zur unterstützenden Überprüfung von Diagnosen. So zum Beispiel zur Überprüfung der Ausbildung der pneumatischen Räume des Schädels. In diesem Sinne werden auch die Computertomographie und die Mikroradiographie eingesetzt (Abb. 6).

Röntgenbild
Abb. 6 Röntgenbild (4 min, 50 kV, mesial-lateral) der Ossa temporalia eines spätmaturen weiblichen Individuums aus Wandersleben (Linearbandkeramik, Thüringen). Der Pneumatisationsgrad der Warzenfortsätze ist hier gut erkennbar. (Röntgenbild S. Klingner)
Licht- und rasterelektronenmikroskopische Untersuchungen

Mikroskopische Verfahren, die bei der paläopathologischen Untersuchung Verwendung finden sind unter anderem die Lichtmikroskopie, die Stereomikroskopie und die Rasterelektronenmikroskopie. Dafür werden Knochendünnschliff- und rasterelektronenmikroskopische Präparate von pathomorphologisch auffälligen Strukturen angefertigt (Schultz 1988b).

In der Lichtmikroskopie werden Knochendünnschliffe (Methode nach Schultz und Brandt 1988, 2001) im normalen Durchlicht und im polarisierten Licht untersucht. Die Stereomikroskopie erlaubt als nicht-invasive Methode weiterführende Studien von Eigenschaften an Knochenoberflächen, die makroskopisch und mit einer Lupe allein nicht mehr interpretiert werden können. Knochen- und Zahndünnschliffpräparate können mit dieser Methode ebenfalls gut beurteilt werden. Zur Untersuchung der Oberfläche von dreidimensionalen Präparaten von Knochen und auch anderen Geweben wird die Rasterelektronenmikroskopie angewendet.

Mikroskopisch können in der Regel Krankheiten, die Veränderungen im Knochensystem zur Folge haben, diagnostiziert werden. Einige bestimmte Krankheiten (z.B. Anämie, Skorbut, Rachitis, hämatogene Osteomyelitis, Treponematosen, Lepra, Tuberkulose, Meningitis, tumoröse und tumorähnliche Skeletkrankheiten) können sogar nur anhand der mikroskopischen Untersuchung diagnostiziert werden. Spuren postmortaler Prozesse können so auch von intravitalen Veränderungen abgegrenzt werden (Diageneseursachen: z.B. Wasser und Kristalle, Pflanzenwurzeln, Algen, Bakterien, Protozoen, Arthropoden und ihre Larven, Würmer) (Abb. 7).

Mikroskopfoto
Abb. 7: Mikroskopfoto (16fache Vergrößerung) eines frühadulten weiblichen Individuums aus Wandersleben (Linearbandkeramik, Thüringen). Auf der Innen- und Außenfläche (im Bild unten) der 4. linken Rippe befinden sich postmortale Sinterauflagerungen, die makroskopisch mit pathologischen Veränderungen verwechselt werden könnten. Weiterhin ist zu erkennen, dass der 7000 Jahre alte Knochen einen schlechten Erhaltungszustand und somit auch wenig Kollagen aufweist. (Foto S. Klingner)

Biochemische Untersuchung – Paläoproteomik

Der Nachweis bestimmter extrazellulärer Knochenmatrixproteine trägt ebenfalls zur Diagnose von Krankheiten an archäologischen Skeletfunden bei. Der Nachweis dieser Proteine lässt Rückschlüsse auf Stoffwechselsituationen zu Lebzeiten eines Individuums zu (Schmidt-Schultz & Schultz 2004). Für diese Untersuchung werden ebenfalls Proben entnommen. Ein Beispiel für eine solche Untersuchung ist der positive Nachweis von PSA (Prostataspezifisches Antigen) als wichtiger Marker für die Diagnose von Prostatakrebs (Schultz et al. 2007).