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Genese und Struktur der hessisch-westfälischen Megalithik am Beispiel der Soester Gruppe

Anliegen des Projektes ist die Erforschung der Soester Gruppe im Grenzbereich der Megalithgräber errichtenden Gesellschaften der Trichterbecher- und der Wartbergkultur. Neue Erkenntnisse zu sozialen Differenzierungsprozessen, die sich in einer konträren Auslegung der von beiden Gesellschaften ausgeübten Kollektivgrabsitte widerspiegeln, sind von der Dokumentation der neu entdeckten Kollektivgrabnekropole Erwitte-Schmerlecke zu erwarten. Hier sollen vor allem umfassende anthropologische Analysen Aussagen zur Sozialstruktur ermöglichen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Erforschung des unmittelbaren Umfeldes der Gräber der Soester Gruppe hinsichtlich zugehöriger Anlagen sowie Siedlungsplätzen. Darin eingebunden ist die Untersuchung der Bezüge monumentaler Grabenwerke zu den Gräbern. Mit Hilfe der gewonnenen Daten wird die Rekonstruktion einer Grab- und Siedlungslandschaft innerhalb der hessisch-westfälischen Megalithik angestrebt. Das interdisziplinär verankerte Projekt soll unter Einbindung der Forschungen und Ergebnisse des SPP eine nachhaltige Verbesserung nicht nur des Forschungsstandes für die Hellwegzone und damit der Westfälischen Bucht, sondern für den gesamten Bereich der „herzynischen Gebirgsschwelle“ und deren Verhältnis zur benachbarten nordwestdeutschen Megalithik bewirken.

Video zum Projekt
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Stand der Forschung

Türlochstein
Türlochstein des Grabes von Züschen bei Fritzlar, Schwalm-Eder-Kreis (Foto J. Farrenschon)

Zwischen 3500 und 2800 v. Chr. wurden von den Trägern der Wartbergkultur besonders in Ostwestfalen und Nordhessen Großsteingräber erbaut, die sich vor allem baulich, aber auch hinsichtlich der Beigabensitten, von den aus Nordwestdeutschland bekannten Ganggräbern der Trichterbecherkultur absetzen (grundlegend Fischer 1968; ders. 1973; Günther 1986; ders. 1997; Raetzel-Fabian 2000; Schierhold im Dr.). Die in den Boden eingesenkten und überhügelten Galeriegräber wurden als kollektive Grablegen genutzt und nahmen in ihren 2–3 m breiten, oft 20–30 m langen Kammern bis zu 250 Bestattungen auf. Der Zugang erfolgte über einen Vorraum an der Schmalseite (Typ Züschen) oder einen Gang an der Längsseite (Typ Rimbeck). Ein Türlochstein mit „Seelenloch“ trennte den Zugangsbereich von der eigentlichen Grabkammer ab (Abb. 1). Das bislang bekannte Verbreitungsbild lässt regionale Gruppen, die in Abständen von ca. 30 km zueinander liegen, mit jeweils mehreren Gräbern erschließen (zuletzt Hinz 2007).

Messbild der geophysikalischen Prospektion in Schmerlecke (Grafik K. Schierhold)

Unter der sogenannten Soester Gruppe, die in der lössreichen Soester Börde zwischen Dortmund und Paderborn zu lokalisieren ist, werden bislang die Gräber von Hiddingsen, Ostönnen, Schmerlecke (drei Anlagen), Uelde und Völlinghausen zusammengefasst. Für diese Gräbergruppe sind bereits einige Vorarbeiten zu verzeichnen, auf denen das Projekt aufbaut. Zentraler Ausgangspunkt der Forschungen ist die Kollektivgrabnekropole von Schmerlecke bei Erwitte, Kr. Soest (Schierhold/Baales/Cichy 2010; Schierhold im Dr.). Hier konnten mittels geophysikalischer Prospektionen nicht nur drei Gräber, davon eines bisher unbekannt, lokalisiert und deren Ausrichtung sowie Ausdehnung bestimmt werden, sondern es zeigen sich auch Hinweise auf eine spätere Begehung des Platzes: Kreisgräben unterschiedlicher Größe deuten auf ein möglicherweise endneolithisches oder bronze- bis eisenzeitliches Gräberfeld (Abb. 2). Im unmittelbaren Umkreis der Anlagen erbrachten Lesefunde Hinweise auf Siedlungsareale; weiterhin befindet sich ein (bisher undatiertes) Grabenwerk in Sichtweite zum Fundplatz. Sondagegrabungen 2008 zeigten neben Details der Bauweise mit nicht am Ort anstehenden Kalksteinplatten vor allem eine gute Erhaltung des Knochenmaterials.

Weitere Ansatzpunkte für Forschungen unter anderem zum Arbeitsaufwand bieten sich mit einer bereits erfolgreich durchgeführten detaillierten geologischen Analyse des Baumaterials des Grabes von Hiddingsen, Kr. Soest (Schierhold im Dr.), deren Ergebnisse mit weiteren Daten aus der hessisch-westfälischen Megalithik verglichen werden können. Ferner reiht sich das erste und bislang einzige 14C-Datum für die Soester Gruppe von Ostönnen (Schierhold 2006) ein in das Spektrum früher Daten für die Errichtung von Galeriegräbern.

Defizite bestehen hingegen nach wie vor in der Erfassung der Sozialstrukturen der bestattenden Bevölkerung anhand umfassender anthropologischer Analysen. Eine Zusammenstellung aller bisher bekannten anthropologischen Daten (Schierhold im Dr.) verdeutlicht große Dokumentationslücken insbesondere im Bereich paläopathologischer Untersuchungen.

Weitere Defizite bestehen in der Erforschung der zu den Gräbern gehörenden Siedlungen und der Rolle der nahegelegenen monumentalen Grabenwerke. Ansätze dazu sind bislang vor allem in siedlungsarchäologischen Studien zu den Höhenfundplätzen der Fritzlarer Senke (Schwellnus 1979), neueren Überlegungen zur „rituellen Landschaft“ der Caldener Gruppe (Raetzel-Fabian 2000) sowie Untersuchungen zu den territorialen Strukturen der Wartbergkultur (Hinz 2007) zu sehen. Alle bisher bekannten wartbergzeitlichen Siedlungen sind jedoch in den jüngeren Abschnitt der Belegung der Gräber zu stellen, so dass die Siedlungen der Galeriegraberbauer bisher fehlen. Die Ergebnisse GIS-basierter Sichtbarkeitsanalysen, die für das Altenautal bei Paderborn durchgeführt wurden, zeigen neue, europaweit vergleichbare Perspektiven für die Interpretation der Lage von Gräbern, potenziellen Siedlungsplätzen und Grabenwerken zueinander auf (Posluschny/Schierhold im Dr.). Es fehlen jedoch nach wie vor systematische Untersuchungen, die am Beispiel einer regionalen Gruppe zunächst den Zusammenhang zwischen Gräbern und Kleinstgrabgruppen klären, zugehörige Siedlungen bestimmen und die Bezüge zueinander sowie zu benachbarten monumentalen Grabenwerken erhellen. – Die besten Voraussetzungen zur Behebung dieser Defizite bieten sich in der Soester Gruppe.