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Gleichheit und Ungleichheit: Die soziale Differenzierung in Nordmitteleuropa 4300 - 2400 v. Chr

Projektbeschreibung

Ziehen eines Steines in Anakalang, Westsumba (Adams 2010, Abb. 32.2).

Die Untersuchung des Einflusses, den der Bau monumentaler Anlagen auf die sozialen und ökonomischen Strukturen einer Gemeinschaft ausüben kann, soll im Rahmen des Projektes „Gleichheit und Ungleichheit“ vorangetrieben werden. Ausgehend von der Integration unterschiedlicher Sozialtheorien, wird eine eingehende Analyse rezenter megalithbauender Gemeinschaften und Fallstudien aus dem Gebiet der neolithischen Trichterbechergemeinschaften vorgenommen.
Bei der Bearbeitung und Analyse der archäologischen Fallstudien bilden die im SPP erhobenen Daten eine gute und umfassende Ausgangsbasis für weitere Analysen. Grundlegend für die Diskussion gemeinschaftlicher und sozialer Auswirkungen des Baus von megalithischen Anlagen ist der ökonomische und arbeitstechnische Aufwand, den der Bau derselben erfordert. Überschreitet der Arbeitsaufwand die Kapazitäten einer Siedlungsgemeinschaft, ist von einer Kooperation auszugehen, die sich beispielsweise auf die Notwendigkeit einer Überschussproduktion auswirken kann.
Die Untersuchungen der ethnografischen Fallstudien sehen neben der Erhebung von Informationen aus Archivbeständen und Ethnografien und, nach Möglichkeit, auch eine Erweiterung der Datengrundlage durch eigene ethnoarchäologische Feldforschungen vor. Hierbei sind insbesondere räumliche Daten (GIS-gestützte Untersuchungen), Informationen zur Wirtschaftsweise und dem ökonomischen Kapital einzelner Haushalte wichtig. Im Besonderen sind Daten zur Organisation und Durchführung des Monumentbaus von Interesse.

Forschungsstand

Mögliche Interpretationen und die Einbindung megalithischer Anlagen in theoretische Konzepte wurden bereits in sehr unterschiedliche Richtungen vorgenommen. Dabei spielen Deutungen der Anlagen als Territorialmarker (vgl. Renfrew 1973/1976), als Grabanlagen verschiedener Lineages, oder als Ausdruck ökonomischer Überlegenheit und Konkurrenzverhaltens zwischen Gemeinschaften (vgl. Fleming 1973; Larsson 1985; Tilley 1996) eine Rolle. Diese Vorschläge und Konzepte sollen bei den Untersuchungen berücksichtigt und in ihrer Anwendbarkeit überprüft werden. Dies geschieht jedoch unter Zuhilfenahme weiterer sozialtheoretischer Ansätze, um die Deutungsansätze der Megalithanlagen nach Möglichkeit zu erweitern.

Ein hilfreicher Ansatz, eine solche Erweiterung von Deutungsansätzen zu erreichen, stellt die Integration ethnografischer Fallbeispiele dar. Diese können Hinweise auf Prozesse und Handlungsweisen geben, die im archäologischen Kontext nicht fassbar sind.
Zu den wenigen Gebieten, in denen noch immer eine megalithische Bautradition ausgeführt wird, zählen das Nagaland im Nordosten Indiens, sowie die Insel Sumba in Indonesien.
Eine relativ ausführliche, wenn auch z.T. politisch beeinflusste, Dokumentation der Gesellschaftsstrukturen und Bautraditionen der Naga lässt sich in den 1920-1940 veröffentlichten Ethnografien englischer Wissenschaftlicher und Kolonialbeamter entnehmen (vgl. Hutton 1921; Mills 1922; Mills 1937; von Fürer-Haimendorf 1939). Diese, in der Regel bestimmten Gruppen, gewidmeten Ethnografien enthalten auch Angaben zu den vorkommenden Monumenttypen, der Bauzeit, sowie der Beteiligung von Arbeitskräften. Einen besonderen Stellenwerte nehmen dabei stets die „Feasts of Merit“ ein. Diese Feste, bzw. Festreihen, sind oft in einer bestimmten Reihenfolge und unter Auflage strenger Regeln und Tabus auszuführen und stellen in ihrer Beendigung das Recht dar, ein megalithisches Monument zu errichten. Die Erforschung der nordostindischen megalithischen Bautradition erfuhr insgesamt in den letzten Jahrzehnten nur wenig Beachtung (z.B. Ǻrhem 1988; Rao 1991) und weist ein hohes Potential für weiterführende Forschungen auf.
Die Erforschung indonesischer Megalithtradition hingegen erfuhr in der näheren Vergangenheit ein regeres Forschungsinteresse (vgl. z.B. Adams 2009/2010; Hoskins 1986; Sukendar 1985). Auch auf Sumba existiert dabei eine enge Verknüpfung des Megalithbaus und der Ausrichtung von großen Festen, bzw. Festserien. Die dort errichteten Dolmen stellen einerseits wichtige Bezugspunkte der Ahnenverehrung, andererseits aber auch sichtbare Zeichen für Einfluss und Reichtum des Erbauers und/oder der Dorfgemeinschaft dar. Der komplizierte und wiederum von Tabus und Beschränkungen behaftete Bauprozess ist als ein wichtiges Regulationsmittel gesellschaftlichen Einflusses und der Repräsentation konkurrierender Individuen und Gemeinschaften zu sehen.

Die ethnografischen Beispiele machen klar, dass mitunter eine Beteiligung von Arbeitskräften auch außerhalb der direkt betroffenen Gemeinschaft nötig, bzw. möglich ist. Die für aufwendige Feste mitunter notwendige Überschussproduktion insbesondere von Reis stellt einen wichtigen Aspekt des gesellschaftlichen Gefüges dar. Soziale Annerkennung und einflussreichere Positionen werden auch in Verbindung mit Festausrichtung und Megalithbau generiert. Damit stellen diese Praktiken ein wichtiges Element sozialer Differenzierungsprozesse dar.

Forschungsfragen und Ziele des Projektes

- Die Erweiterung des ethnoarchäologischen Datenbestandes dient der Analyse der Beispiele rezenten Megalithbaus auf Sumba und im Nordostindien. Besondere Bedeutung spielt die Frage, wie sich ökonomisches Potential von Gemeinschaften, bzw. die Möglichkeiten der einzelnen Haushalte auf den Bau der Anlagen auswirken. Die Auswirkung etwaiger Konkurrenzsituationen und der Einfluss solcher auf das soziale Gefüge der Gemeinschaften stehen dabei im Fokus.

- Eine Kompilation und Evaluation sozialarchäologischer Modelle und Thesen zum Neolithikum, bzw. den Trichterbechergemeinschaften soll eine Modellbildung unter Berücksichtigung ethnoarchäologischer Daten und neuen Erkenntnissen des SPP unterstützen. Um auch neuere und alternative Ansätze zu integrieren, finden weitere Sozial-, Wirtschafts- und Kulturtheorien unterschiedlicher Ausrichtung Berücksichtigung.

- Anhand dieser Kompilation sollen Proxies erarbeitet werden, die Aspekte und Teilaspekte von Theorien oder Modellen im ethnografischen und archäologischen Befund nachvollziehen lassen.

- Zuletzt sollen Untersuchungen an archäologischen Fallbeispielen der Trichterbechergemeinschaften unternommen werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach ökonomischen Rahmenbedingungen, eventuell unterschiedlichen Ausprägungen der Praxis des Megalithbaus, sowie nachvollziehbarer kommunikativer und ritueller Strukturen.
So stellt sich die Frage, inwiefern der Arbeitsaufwand von megalithischen und monumentalen Anlagen das ökonomische Potential, bzw. Output einer Gemeinschaft widerspiegelt. Hierzu werden Aufwandsberechnungen im kleinregionalen Maßstab vergleichen und mit weiteren Markern für wirtschaftliche Aktivitäten, wie das Vorkommen von Beilen und eingetauschten oder eingehandelten Produkten wie Kupfer oder besonderem Flint verglichen.