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Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung in Westmecklenburg

Das Forschungsprojekt

Das Untersuchungsgebiet liegt im westlichen Teil von Mecklenburg-Vorpommern und umfaßt die Kreise Nordwestmecklenburg, Ludwigslust und Parchim, sowie die kreisfreien Städte Wismar und Schwerin.

Im Zentrum des Untersuchungsgebietes liegt der Ostorfer See mit der Toteninsel (Ostorf-Tannenwerder), im südlichen Stadtgebiet von Schwerin. Auf der Insel befindet sich ein früh- bis mittelneolithisches Flachgräberfeld, welches den Ausgangspunkt für die Untersuchungen bildet.

Neben diesem Gräberfeld werden im engeren Arbeitsgebiet südöstlich des Schweriner Sees Großsteingräber und Erdwerke durch Geländearbeiten untersucht.

Ziele des Projekts

Das Forschungsprojekt soll zum Verständnis der Entstehungsdynamik der frühen Ackerbaukulturen im südlichen binnenländischen Ostseegebiet beitragen.

Dabei spielt das Verhältnis der in Ostorf-Tannenwerder bestatteten frühneolithischen Fischergesellschaft zu ihrem unmittelbaren wirtschaftlichen und sozialen Umfeld, in dem zur gleichen Zeit (?) Erdwerke und Großsteingrabanlagen errichtet wurden, eine entscheidende Rolle. Denn mit dem Übergang zur agrarischen Lebensweise vollzog sich offenbar auch eine soziale Differenzierung, die zu unterschiedlichen Bestattungstraditionen (Flachgräber, Großsteingräber) und einer möglichen Territorialität (Erdwerke) fürhte.

Daraus lassen sich folgende Fragen formulieren, die im Rahmen des Projektes beantwortet werden sollen:

  • Wie und wann entstanden die Großsteingräber im Untersuchungsgebiet?
  • Welche Rolle hatten die Erdwerke? Stehen diese in einem chronologischen Zusammenhang mit den Megalithanlagen und /oder mit den Flachgräbern?
  • Inwieweit läßt sich eine soziale Differenzierung feststellen bzw. die Gesellschaftsstruktur rekonstruieren (unterschiedliche Bestattungstraditionen, besondere Artefakte)?
  • Läßt sich über die materielle Kultur feststellen, wer die Monumentalanlagen (Großsteingräber, Erdewerke) erbaut hat, oder wer die Nutzergruppen waren?
  • Lassen sich bei der Rekonstruktion der Siedlungs- und Grablandschaft Faktoren der Raumordnung erfassen (Anlage abhängig/unabhängig von den naturlandschaftlichen Gegebenheiten)?
  • Wie und in welchem Ausmaß lassen sich Umweltveränderungen feststellen (human impact, Bevölkerungsdichte)?

Forschungsstand

Der allgemeine Forschungsstand ist im Rahmenantrag des SPP 1400 dargestellt. Im Folgenden wird daher nur auf den Stand der Forschungen im Arbeitsgebiet eingegangen.

  1. Stand der Megalithforschung

    Im Untersuchungsraum westliches Mecklenburg, rund um den Schweriner See zwischen Wismar Bucht und der Elbe, ist der Bearbeitungsstand zu den Megalithgräbern günstig. Abgesehen von vielen älteren Ausgrabungen hat ein vom Museum für Vor- und Frühgeschichte Schwerin durchgeführtes Forschungsprogramm in den 1960er Jahren zur Ausgrabung von nahezu 100 Megalithgräbern geführt. Die Grabungsergebnisse wurden in den Jahrbüchern vorgelegt und von Ewald Schuldt (1972) zusammenfassend analysiert. In diesen Forschungen konzentrierte sich Schuldt nahezu ausschließlich auf die Kammern der Gräber und deren Inhalt. Eine Untersuchung zu den die Kammer umgebenden Grabhügeln oder Langbetten fand nur dann statt, wenn Architekturbestandteile der Kammer dies erforderlich machten. Eine Umfelduntersuchung vor und rund um die Kammern bzw. um die Grabanlagen wurde nicht durchgeführt. In den vergangenen 40 Jahren sind im Arbeitsgebiet Großsteingräber oder andere Megalithanlagen nicht untersucht worden.

     
  2. Stand der Siedlungsforschung

    Schwieriger gestaltet sich die Aussage zu den Siedlungsforschungen. Ausgrabungen auf Siedlungsplätzen haben erst nach 1990 im Zuge des Autobahnbaus stattgefunden. Eine dabei angeschnittene trichterbecherzeitliche Siedlung bei Triwalk wird im Rahmen einer Dissertation in Kiel ausgewertet. Weitere Grabungen fehlen. Eine landschaftsarchäolog ische Analyse des Raumes Westmecklenburg, insbesondere des Gebietes westlich des Schweriner Sees, hat zuletzt Almut Schülke (2002) vorgelegt. Auch sie kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem an siedlungsarchäologischen Untersuchungen im gesamten Bereich mangelt.

     
  3. Stand der Erdwerkforschung

    Ein Novum im Arbeitsgebeit stellen die Erdwerke da. Sie sind erst im Jahre 2002 nach zehnjähriger systematischer Befliegung durch die Luftbildarchäologie von Otto Braasch südlich und südwestlich von Schwerin entdeckt worden, und zwar bei Gädebehn (Fpl. 10), Plate (Fpl. 3 und 14), Zietlitz (Fpl. 1) und Ruthen (Fpl. 17). Diese Anlagen zeichnen sich als kreisrunde Grabenwerke (Doppelgräben, in Gädebehn einfaches Grabenwerk) mit zahlreichen Durchlässen zu allen Seiten ab. Am Grabenwerk von Plate Fpl. 3 wurde nach dem Luftbildbefund eine als Durchlass erkennbare Teilfläche geophysikalisch prospektiert und anschließend archäologisch untersucht. Dabei wurde nach natürlichen Schichten ausgegraben und der gesamte Aushub aus den Gräben gesiebt. Als Ergebnis lässt sich feststellen, dass die Anlage als Doppelgrabenanlage angelegt worden ist. Der obere Teil ist komplett abgetragen, Reste von Wällen waren nicht mehr feststellbar. Die Gräben sind allmählich verfüllt worden, vermutlich durch natürliche Prozesse. Ein einziges Keramikfragment konnte geborgen werden, das typochronologisch der Trichterbecherkultur zuzuweisen ist und auf der Sohle des Grabens lag, also zur Nutzungszeit abgelegt worden sein muß. Daneben kamen einzelne Feuersteingeräte zutage, die typochronologisch eher dem Mesolithikum zuzurechnen sind.

  4. Stand der Forschungen auf "Tannenwerder"

    In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde auf einer kleinen Insel im Ostorfer See bei Schwerin ein Flachgräberfeld entdeckt und bis zum Jahre 1960 in mehreren Grabungskampagnen untersucht (Schuldt 1961). Die Flachgräber enthalten Bestattungen in gestreckter Rückenlage, deren Beigaben zu überwiegenden Teilen aus Tierzahnschmuck und Feuersteingeräten bestehen und dem gesamten Habitus nach mesolithisch wirken. Die Vergesellschaftung dieser Beigaben mit Keramik in fünf Gräbern löste zahlreiche Diskussionen um die zeitliche und kulturelle Zuordnung des Fundplatzes aus. Dieses Gräberfeld wurde jüngst mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden nachanalysiert.

    Zusammen mit Jan Heinemeier, Harald Lübke und Thomas Terberger hat der Antragsteller Friedrich Lüth den Altfundkomplex neueren Untersuchungen zugeführt. Eine anthropologische Analyse (Henke/Patolla 2007), eine archäozoologische Analyse (Lehmkuhl 2007), Radiokarbondatierungen mit Messungen der Stabilen Isotopen (Lübke/Lüth/Terberger 2007) sowie eine Untersuchung der Feuerschlagbestecke (Friedrich 2007) haben neue Einsichten in das Gräberfeld gebracht.
    Das Gräberfeld ist in die Zeit zwischen 3.300 und 2.700 cal.BC zu datieren und ist nach Ausweis der Stabilen Isotopen die Begräbnisstätte einer Fischergesellschaft, in der die Frauen überwiegend limnische Nahrung zu sich nahmen, während die Männer einen durchaus hohen Anteil an fleischlicher Nahrung aufgenommen haben. Anthropologisch zeigen die Skelette eine gewisse Affinität zu vorneolithischen Populationen und werden deshalb eher als „mesolithisch“ eingestuft (Henke/Patolla 2007).

    Um das Potential des Fundplatzes zu prüfen, erfolgten auf der Insel Tannenwerder im Januar 2008 eine geomagnetische Prospektion und eine topographische Aufnahme. Das Ziel der Arbeiten war die Lokalisierung der Altgrabungen und die Suche nach unerkannten Flachgräbern sowie die Neuvermessung der Insel. Für die geomagnetische Prospektion kam ein Einsondengerät zur Anwendung. Gemessen wurden Messflächen von 10 x 10m mit einem Messlinienabstand von 0,5m. In Laufrichtung betrug der Abstand der Messpunkte 0,125 cm. Es wurde eine Fläche von 0,2ha prospektiert. Die Insel war stark mit Altmetall kontaminiert. Trotz dieser Problematik ließen sich die Flächen der Altgrabungen im nordöstlichen Teil der Insel gut erfassen. Hier zeigten sich zahlreiche, grubenartige Anomalien (>20 nT). Ein wichtiges Ergebnis ist die Beobachtung, daß sich auf der Insel trotz der zahlreichen Grabungsaktivitäten seit dem 19. Jahrhundert großflächig Bereiche finden ließen, die vermutlich noch nicht durch Altgrabungen und Erdentnahmegruben zerstört sind. Einige kleine Anomalien könnten auf Flachgräber hinweisen. In diesen Bereichen könnten zukünftige Grabungen ansetzen. Dabei wäre es sinnvoll – gerade unter Berücksichtigung des dafür erforderlichen geringen Zeitaufwandes –, die Fläche zuvor mit einem empfindlicheren Gerät und einer höheren Auflösung (Messlinienabstand 0,25 cm) erneut zu prospektieren. Im Rahmen der geophysikalischen Prospektion erfolgte auch eine topographische Aufnahme. Die Oberfläche der Insel weist zahlreiche grubenartige Eintiefungen auf, die zumindest teilweise auf Altgrabungen hindeuten. Diese Strukturen häufen sich in den Bereichen, in denen auch nach den geomagnetischen Untersuchungen mit älteren Grabungsaktivitäten zu rechnen ist.