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Verwandtschaft, Abstammung und Phänotyp. Genetische Zusammensetzung mittelneolithischer Populationen und ihre Beziehung zu sozialen Differenzierungen 3400-3000cal BC

Material

Das zu untersuchende Material entstammt vier neolithischen Fundorten, die zeitgleich genutzt wurden. Für Schleswig-Holstein kann ein Fundort (Panker), der ausreichend menschliches Material enthält, in die Untersuchung mit einbezogen werden. Es handelt sich hierbei um ca. 20 Individuen, die in einer so genannten Holsteiner Kammer bestattet wurden und eindeutig der Trichterbecher-Nord-Gruppe zuzuordnen sind. In Süd-Niedersachsen werden die Fundorte Großenrode und Odagsen mit einbezogen. Insgesamt handelt es sich hierbei um ca. 130 Individuen aus Kammergräbern die der Trichterbecher-West-Gruppe zuzuordnen sind. Als kulturelle Außengruppe wird der Fundort Calden (Nord-Hesssen) mit insgesamt ca. 35 Individuen mit einbezogen. Dieses Galeriegrab kann der Wartberg-Gruppe zugeordnet werden. Bei den Angaben über die Individuenzahlen handelt es sich um so genannte Mindestindividuenzahl, so dass durchaus eine höhere Individuenanzahl anfallen kann. Das Material ist insgesamt in einem guten Zustand, auch wenn hier die Skelette häufig in dislozierter Lage angetroffen wurden. Unter zu Hilfenahme der Grabungspläne sowie einer Beschränkung der Beprobung auf Zähne und Felsenbeine, soll eine unnötige Mehrfachbeprobung einzelner Individuen weitestgehend vermieden werden. Dabei wird sichergestellt, dass pro Individuum mindestens zwei Proben entnommen werden (z.B. ein Unterkiefer = Entnahme von zwei Zähnen), die dann unabhängig voneinander aufgearbeitet und typisiert werden.

Methoden

Aus jeder Probe werden unabhängig mindestens zwei DNA-Extrakte hergestellt, die mindestens zweimal pro Extrakt analysiert werden. Ein Ergebnis gilt dann als reproduziert, wenn es in diesen vier Analyseschritten identische Ergebnisse liefert.

Die Erfassung verwandtschaftsrelevanter genetischer Marker (s. Abb. Vererbungsmodi) erfolgt mittels Polymerasekettenreaktion (PCR), Fragmentlängenanalyse, Single-Nucleotide-Polymorphisms-Assays (SNP-Assay) sowie der Sequenzierung einzelner Abschnitte des mitochondrialen Genoms. Ziel hierbei ist es, pro Individuum möglichst viele individualspezifische Informationen zu erhalten, die nachfolgend mit denen des untersuchten Kollektivs sowie denen anderer Kollektive untersucht werden.

Methoden

Vererbungsmodi verwandtschaftsrelevanter genetischer Marker.
a) 50% der chromosomalen DNA werden von Eltern an ihre Kinder vererbt, damit sind 25% ihres chromosomalen Materials in ihren Enkelkindern anzutreffen;
b) Das Y-Chromosom wird nahezu unverändert von Vätern an ihre Söhne übertragen, damit ist das Y-Chromosom des Enkelsohns zu 100% identisch mit dem des Großvaters;
c) Mitochondriale DNA wird ausschließlich von Frauen vererbt, das heißt Mütter vererben ihr Mitochondrium an alle Nachkommen, jedoch vererben nur Töchter dieses an ihre Nachkommen;
d) Ein X-Chromosom wird von Müttern sowohl an Söhne, als auch an Töchter vererbt. Väter vererben ihr X-Chromosom nur an Töchter, damit ist jeweils das paternale X-Chromosom bei Schwestern 100% identisch, das mütterliche X-Chromosom kann jedoch variieren.

Die Analyse phänotypisch relevanter SNPs erfolgt mit einem SNP-Assay, das im Rahmen einer Doktorarbeit entwickelt wird.

Ableitend aus den erwirtschafteten Datensätzen sollen Modelle zur Zusammensetzung neolithischer Gesellschaften erstellt werden. Dabei werden ausgehend von möglichen Kernfamilien zunächst die Geschlechterverteilung, die Fertilitätsrate sowie Stammbäume abgeleitet. Anhand der Anzahl mütterlicher und väterlicher Linien im Gesamt-kollektiv können dann Aussagen zu “Heiratsmustern“ getroffen werden. Im Kontextualisierung einzelner Individuen mit ihrer Lage im Grab sowie möglichen Grabbeigaben, können Rückschlüsse auf den Status des Individuums in der Gesellschaft gezogen werden. Darüber hinaus können, anhand des überregionalen Vergleichs, Informationen zu Mobilität der Bevölkerungen (Migration), Besiedlungsgeschichte sowie der Kulturverbreitung im Neolithikum generiert werden.

Eine solche Studie an neolithischem Material ist bisher einzigartig. Zwar gibt es mehrere genetische Untersuchungen an neolithischem Material (siehe Literaturhinweise) jedoch waren die Individuenzahlen bisher immer so gering, dass lediglich Aussagen über mikroregionale Begebenheiten erfolgen können. Dieses Projekt dient der multiregionalen Analyse und soll Erkenntnisse bezüglich der sozialen Eigenschaften neolithischer Gemeinschaften liefern, so dass ein höheres Verständnis für Alltag und Traditionen einzelner Individuen entsteht.